„… und wir werden Wohnung bei ihm nehmen.“

Eine Predigt über Johannes 14,23

„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“

1. Einleitung

Liebe Gemeinde,

was ist Ihr schönster Ort? Ich meine nicht nur einen Urlaubsort am Meer oder in den Bergen. Ich meine den Ort, an dem Sie ganz Sie selbst sein können. Wo die Fassade fällt. Wo Sie ankommen. Für viele von uns ist das das eigene Zuhause. Das Wohnzimmer mit dem vertrauten Sessel, die Küche, in der es nach Kaffee duftet, das Bett, in das wir uns abends fallen lassen. Ein Zuhause ist mehr als vier Wände. Es ist ein Raum der Geborgenheit, ein Ort der Liebe und des Vertrauens.

Heute, am Sonntag, begegnet uns im Evangelium nach Johannes eine Zusage Jesu, die so unglaublich intim und tröstlich ist, dass sie uns fast den Atem verschlägt. Es geht nicht um einen Ort, den wir aufsuchen müssen, nicht um einen Tempel aus Stein, nicht um heilige Berge. Es geht um etwas viel Größeres: Gott selbst möchte bei uns einziehen. Er möchte nicht nur gelegentlich vorbeischauen. Er möchte Wohnung nehmen. In uns. Bei uns. Hören wir auf den Text aus dem 14. Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 23. Es sind Worte, die Jesus in der Abschiedsrede an seine Jünger richtet – Worte voller Trost und voller Anspruch.

2. Der Ort der Angst – Der Kontext des Wortes

Um die ganze Tiefe dieses Verses zu verstehen, müssen wir uns den Ort vor Augen halten, an dem er gesprochen wird. Es ist der Abend vor seiner Kreuzigung. Judas hat den Raum bereits verlassen, um seinen verräterischen Plan auszuführen. Jesus weiß, was auf ihn zukommt. Und seine Jünger – sie spüren, dass etwas Schreckliches im Gange ist. Ihre Welt, die sie in den letzten drei Jahren mit Jesus aufgebaut haben, bricht zusammen. Angst, Verwirrung und Trauer liegen schwer im Raum. Es ist eine Stunde der tiefsten Finsternis.

In diese aufgewühlte Stimmung hinein spricht Jesus Worte des Friedens: „Euer Herz erschrecke nicht!“ (Joh 14,1). Er spricht vom Vaterhaus, in dem viele Wohnungen sind. Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (V. 6). Und dann, auf die Frage des treuen, aber etwas begriffsstutzigen Judas (nicht dem Iskariot), wie er sich denn den Jüngern offenbaren wolle, nicht aber der Welt, gibt Jesus diese Antwort. Unser Vers ist also eine Antwort auf die drängende Frage der Jünger: „Herr, wie können wir dich halten, wenn du gehst? Wie können wir in Verbindung mit dir bleiben?“ Die Welt, die feindlich gesinnte Macht, wird ihn nicht sehen, aber die Jünger? Ihnen wird eine neue, viel tiefere Form der Gemeinschaft verheißen. Nicht die äußere Schau, sondern die innere Durchdringung. Jesus bereitet seine Freunde darauf vor, dass seine sichtbare Gegenwart endet, aber seine unsichtbare, innigliche Gegenwart erst richtig beginnt.

3. Die Bedingung und das Geschenk – Eine Auslegung

Schauen wir nun genauer auf die drei Teile dieser wunderbaren Zusage.

I. Die Voraussetzung: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten“

Jesus knüpft das Kommen des Vaters an eine Bedingung. Und diese Bedingung heißt: Liebe. Aber Vorsicht, liebe Gemeinde! Diese Liebe ist kein schwärmerisches Gefühl, kein frommes Kribbeln. Die Liebe, von der Jesus spricht, hat Hand und Fuß. Sie bewährt sich im Halten seines Wortes. „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“, sagt er wenige Verse zuvor (V. 15). Liebe zu Jesus ist also kein Lippenbekenntnis. Sie ist eine entschiedene Ausrichtung des Lebens an ihm. Es ist die Treue des Jüngers, der im Alltag, in den kleinen und großen Entscheidungen, fragt: „Was würde Jesus sagen? Was würde er tun?“ Es ist die Bereitschaft, nicht nur Hörer, sondern Täter des Wortes zu sein. Diese Liebe ist ein aktives Vertrauen, das sich im Gehorsam zeigt – nicht aus Zwang, sondern aus der tiefen Verbundenheit mit dem Herrn.

II. Die göttliche Antwort: „… und mein Vater wird ihn lieben“

Auf diese unsere Liebe – so klein und gebrochen sie oft sein mag – folgt die übergroße Antwort des Vaters. Er wird ihn lieben. Das ist keine neue Liebe, die der Vater erst jetzt entwickelt. Der Vater liebt uns ja schon immer. Es ist die Liebe, die von Ewigkeit her ist. Aber hier geht es um die innige, vertraute Gemeinschaft der Liebe, die nun wächst und vertieft wird. Es ist die Liebe, die den Vater und den Sohn von Ewigkeit her verbindet und in die wir nun mit hineingenommen werden. Wer Jesus liebt und sein Wort tut, der tritt ein in diesen göttlichen Liebesstrom. Er erfährt die Liebe des Vaters auf eine neue, intensive Weise. Der Vater sieht im gehorsamen Sohn sein eigenes Wesen widergespiegelt und freut sich daran.

III. Das unbegreifliche Ziel: „… und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“

Und nun kommt das Herzstück. Das absolute Zentrum der christlichen Hoffnung. „Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Wer ist „wir“? Es sind der Vater und der Sohn. Die ganze Fülle der Gottheit macht sich auf den Weg – wohin? In den Himmel? In einen prächtigen Tempel? Nein. Zu dir. Zu mir. In das arme, zerbrechliche Haus unseres Herzens. Und sie bleiben nicht für einen Besuch. Sie nehmen Wohnung. Das griechische Wort „mone“ meint eine bleibende Stätte, eine feste Bleibe. Gott wird nicht nur Gast, er wird Mitbewohner. Er lässt sich nieder in unserem Alltag. In unserer Küche, an unserem Arbeitsplatz, in unseren dunklen Stunden. Das ist die Erfüllung der großen Sehnsucht des Alten Bundes, dass Gott unter seinem Volk wohnt – in der Stiftshütte, im Tempel. Jetzt, durch Jesus Christus, wird der Mensch selbst zur Wohnung Gottes. Martin Luther hat dazu einmal gesagt: „Gott braucht kein Haus von Stein, sondern ein lebendiges Herz.“ Welch eine unbegreifliche Herablassung Gottes! Der Schöpfer des Himmels und der Erde möchte bei uns einziehen – in unsere Unordnung, in unsere Zweifel, in unsere Freude und in unseren Schmerz.

4. Vom Hören zum Wohnen – Was das für uns heute bedeutet

Liebe Gemeinde, was bedeutet dieser Text nun für uns, hier und heute, in Frankfurt, im Jahr 2026?

Zunächst: Diese Zusage nimmt uns die Last, Gott an einem bestimmten Ort suchen zu müssen. Wir müssen nicht erst nach Jerusalem oder in irgendeinen frommen Ort reisen, um Gott zu begegnen. Er ist da, wo wir sind. In der U-Bahn, im Büro, am Krankenbett. Das ist eine ungeheure Freiheit und ein unendlicher Trost. Gott ist nicht fern. Er ist nah. Er möchte in deinem Leben zu Hause sein.

Aber die Zusage hat auch eine sehr praktische Seite. Sie fragt uns: Wie sieht es aus in deiner Wohnung? Wenn Gott einziehen will – ist dann Platz für ihn? Oder ist das Haus deines Herzens so vollgestellt mit Sorgen, mit Unversöhnlichkeit, mit Hast und mit Lärm, dass gar kein Raum mehr ist für den stillen Gast? Die Liebe zu Jesus, die sein Wort hält, ist so etwas wie das Saubermachen für den hohen Besuch. Es geht nicht um eine perfekte, sterile Wohnung. Aber es geht darum, dass wir ihm die Tür öffnen und ihn hereinbitten. Dass wir mit ihm reden im Gebet. Dass wir auf ihn hören in der Schrift. Dass wir ihm die dunklen Kammern zeigen, weil er sie erhellen kann. Dass wir ihm den Müll unseres Lebens überlassen, weil er ihn entsorgen kann.

Für unsere Gemeinde bedeutet das: Wir sind keine Veranstaltungsagentur für religiöse Dienstleistungen. Wir sind eine Gemeinschaft von Menschen, in denen Gott persönlich wohnt. Und wenn Gott in uns wohnt, dann tragen wir ihn hinaus in diese Stadt. Dann werden wir zu seinen Händen und Füßen. Dann wird unsere Kirche nicht nur am Sonntag zum Gotteshaus, sondern unser ganzes Leben wird zur Wohnung Gottes. Jeder von uns ist ein Tempel des Heiligen Geistes, sagt Paulus. Das ist unsere Würde und unsere Aufgabe.

5. Schluss und Zuspruch

Liebe Schwestern und Brüder,

die Jünger saßen in der Angst. Sie hatten Angst vor dem Verlust Jesu. Und was tut Jesus? Er verspricht ihnen seine bleibende, innigste Nähe. Er sagt: Ich gehe, um auf eine viel tiefere Weise bei euch zu sein. Ich will nicht nur bei euch sein, ich will in euch sein.

Dieses Versprechen gilt auch dir heute Morgen. Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht alles im Griff haben. Aber du darfst ihn lieben. Du darfst sein Wort halten, indem du ihm vertraust und ihm nachfolgst. Und dann passiert das Wunder: Der Vater und der Sohn kommen und nehmen Wohnung. Gott macht sich breit in deinem Leben. Er wird dein Zuhause. Dein Herz wird zur Hütte Gottes. Und dann, ja dann, bist du niemals allein. Dann ist in der tiefsten Dunkelheit ein Licht. Dann ist in der größten Verlorenheit eine Heimat. Denn Gott selbst ist bei dir und in dir.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Amen.