Liebe Schwestern und Brüder,
wir feiern die österliche Zeit – das große Fest des Lebens, das den Tod überwunden hat.
Und mitten in dieses österliche Licht hinein legt uns die Kirche heute ein Evangelium,
das nichts weniger als die entscheidende Frage an uns richtet:
Glaubst du wirklich an den, der sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“?
Nicht nur als schöne Metapher, nicht nur als liturgisches Zitat – sondern als die
eine Wahrheit, die dein ganzes Leben trägt oder eben scheitern lässt.
Der Text aus dem sechsten Kapitel des Johannesevangeliums ist keine sanfte Einladung zum Kaffeekränzchen. Er ist eine Kampfansage an unseren Hunger nach Vorläufigem, an unsere satte Selbstzufriedenheit und an unsere heimliche Angst, Gott könnte uns am Ende doch fallen lassen. Die Worte Jesu sind klar, fast schroff in ihrer Eindeutigkeit. Und sie verlangen eine Entscheidung.
35 Jesus sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.
36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt gesehen und glaubt doch nicht.
37 Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen;
38 denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.
39 Es ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich keinen von denen, die er mir gegeben hat, zugrunde gehen lasse, sondern dass ich sie auferwecke am Jüngsten Tag.
40 Denn es ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, das ewige Leben hat und dass ich ihn auferwecke am Jüngsten Tag.
(© Ständige Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet)
„Ich bin das Brot des Lebens.“ Mit diesem „Ich bin“-Wort stellt sich Jesus in eine Reihe, die im Alten Testament allein Gott vorbehalten ist. Er ist nicht nur der Geber des Brotes – er selbst ist die Speise. Das ist der erste harte Brocken für unseren Verstand und erst recht für unser frommes Gefühl: Nicht meine Leistung, nicht mein Gebet, nicht meine Moral stillen den letzten Hunger – nur Er selbst. Und dann kommt der Vorwurf, der wie ein Stachel im Fleisch der Hörer sitzt – und auch in unserem: „Ihr habt gesehen und glaubt doch nicht.“ (V. 36).
Was hatten sie gesehen? Die Brotvermehrung. Fünftausend wurden satt. Sie hatten das Wunder mit eigenen Augen erlebt. Und trotzdem: ihr Herz hing am Sichtbaren, am schnell verderblichen Brot. Jesus stellt klar: Glaube ist mehr als das Staunen über ein Ereignis. Glaube ist das Festhalten an der Person, auch wenn das Sichtbare schwindet. Und genau hier wird der Text herausfordernd für uns, die wir heute – ohne sichtbare Wunder – glauben sollen.
In den Versen 37 bis 40 wiederholt Jesus ein Wort, das wie ein Bollwerk steht: „Ich werde nicht hinausstoßen“ (V. 37) und „Ich will keinen verlieren“ (V. 39). Das klingt zunächst wie ein sanftes Ruhekissen. Aber hören Sie genau hin: Es ist der Wille des Vaters, dass Jesus niemanden verliert. Das bedeutet: Nicht mein Zittern, nicht meine fromme Anstrengung, nicht meine Angst vor dem Gericht halten mich fest – sondern allein der souveräne Entschluss Gottes. Das ist eine ungeheure Provokation für jeden, der meint, er müsse sich den Himmel verdienen oder könne ihn verspielen wie ein launisches Glück.
Die Herausforderung liegt darin, dieses bedingungslose „Ja“ Gottes auszuhalten. Wir sind es gewohnt, auf unsere eigene Performance zu schauen: Habe ich genug gebetet? War ich gut genug? Jesus schiebt das alles beiseite. Das Einzige, was zählt, ist: Kommst du zu mir? Nicht: Kommst du mit einem tadellosen Lebenslauf? Sondern: Kommst du mit deinem leeren Magen, deinem unstillbaren Durst nach Sinn? Und das Zweite: Siehst du den Sohn und glaubst du? (V. 40).
Das „Sehen“ des Sohnes geschieht hier und jetzt – im Wort der Schrift, im gebrochenen Brot der Eucharistie, im Angesicht des Nächsten. Glauben heißt, in all dem IHN zu erkennen und sich auf ihn einzulassen. Und das ist kein Spaziergang. Denn dieses Brot stillt nicht den Hunger nach Karriere, Anerkennung oder Bequemlichkeit. Es stillt den Hunger nach Ewigkeit. Wer von diesem Brot isst, muss den kleinen Hunger nach Welt loslassen.
Liebe Gemeinde, diese Worte wollen uns heute Morgen wachrütteln. Sie sind kein Wellness-Angebot für die Seele, sondern eine Richtungsänderung. Ich möchte drei herausfordernde Impulse mitgeben, die vielleicht unbequem sind – aber der Wahrheit des Evangeliums entsprechen.
1. Hör auf, Gott misstrauisch zu beäugen.
Wir beten oft, als müssten wir Gott überreden, gnädig zu sein. Aber Jesus sagt:
Der Wille des Vaters ist es, dich nicht zu verlieren. Nicht weil du so toll bist,
sondern weil Er treu ist. Die Herausforderung: Lebe aus dieser Freiheit!
Das nimmt dir nicht die Verantwortung für dein Handeln, aber es nimmt dir die
krankmachende Angst, du könntest aus Versehen aus der Hand Gottes fallen.
Wer zu Christus kommt, den stößt er nicht hinaus. Punkt. Glauben heißt, diesem
Wort mehr zu vertrauen als dem eigenen mulmigen Gefühl.
2. Frage dich: Wovon ernähre ich mich wirklich?
Wir leben in einer Zeit des Überflusses – an Informationen, an Konsum, an
Ablenkung. Und doch sind viele hungrig und durstig. Jesus sagt: Wer zu mir
kommt, wird nie mehr hungern. Das ist ein Angriff auf unsere liebgewonnenen
Ersatzbefriedigungen. Scrollen wir durchs Handy, um den Durst nach Bedeutung
zu stillen? Stopfen wir uns mit Terminen voll, um die Leere nicht zu spüren?
Der Text fordert uns heraus, ehrlich zu sein: Vielleicht glauben wir gar nicht
wirklich, dass Jesus satt macht. Vielleicht trauen wir dem Brot des Lebens
weniger als dem Brot der Welt. Heute ist der Tag, das zu ändern – indem wir
wieder bewusst kommen, in die Stille, in die Anbetung, zum Empfang der
Eucharistie. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus echtem Hunger.
3. Nimm das „Jüngste Gericht“ als Verheißung, nicht als Drohung.
Viermal fällt das Wort „auferwecken am Jüngsten Tag“. Für viele klingt das nach
einer fernen, vielleicht unheimlichen Instanz. Aber im Mund Jesu ist der Jüngste
Tag der Tag der endgültigen Rettung, der Tag, an dem sichtbar wird, was jetzt
schon gilt: Du gehörst ihm. Die Herausforderung: Lebe jetzt schon als
Auferstandener! Nicht in düsterer Weltflucht, sondern in österlicher
Unerschrockenheit. Der Tod hat nicht das letzte Wort – weder der Tod am Ende
des Lebens noch die vielen kleinen Tode des Alltags (Enttäuschung, Scheitern,
Krankheit). Wer an den Sohn glaubt, hat jetzt schon das ewige Leben
(V. 47, vgl. V. 40). Leben Sie so?
Herr Jesus Christus,
du Brot des Lebens – wir kommen zu dir.
Oft kommen wir mit leerem Herzen und vollem Kopf,
mit sehenden Augen und doch blindem Glauben.
Wir bitten dich: Stärke unser Vertrauen in den Willen des Vaters.
Lass uns nicht länger an deiner Treue zweifeln.
Gib uns den Mut, den Hunger der Welt nicht mit billigem Ersatz zu stillen,
sondern aus dir zu leben – jeden Tag neu.
Und wenn die Angst kommt, wir könnten verloren gehen,
dann sprich du selbst in unser Herz:
„Ich werde dich nicht hinausstoßen.“
Darauf wollen wir stehen, heute und am Jüngsten Tag.
Amen.
Segen
So geht hin in die österliche Freude dieses Tages.
Der Herr, der das Brot des Lebens ist, erfülle euren Hunger mit seiner Gegenwart.
Der Vater, dessen Wille eure Rettung ist, bewahre euch in seiner Hand.
Der Heilige Geist, der Auferwecker, mache euch gewiss:
Ihr seid gesehen, ihr seid geglaubt, ihr seid gehalten –
jetzt und in Ewigkeit.
Amen.