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Johannes 1,1-3 - Im Anfang war das Wort,

Im Anfang war das Wort - Predigt zu Johannes 1,1-3

Im Anfang war das Wort

Eine tiefgehende Auslegung zu Johannes 1,1-3

Für die Gemeinde und Besucher von glaube-ich.de

Herzlich willkommen, liebe Geschwister und Gäste! Wir freuen uns, dass Sie heute hier sind – ob in unserer Gemeinschaft vor Ort oder digital auf unserer Homepage glaube-ich.de. Diese Predigt möchte Ihnen Gottes lebendiges Wort nahebringen und Ihr Herz mit der tiefen Wahrheit des Johannes-Evangeliums berühren. Möge Gott selbst durch seinen Geist zu uns sprechen.

Die Heilige Schrift: Johannes 1,1-3

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe geworden, und ohne dasselbe ist auch nicht eines geworden, was geworden ist.

In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen. Es war ein Mensch, von Gott gesandt, sein Name war Johannes. Dieser kam zum Zeugnis, um von dem Licht Zeugnis zu geben, damit alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte Zeugnis geben von dem Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen.

Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Das Wort, das alles ins Dasein rief

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, wenn wir heute die ersten Verse des Johannes-Evangeliums betrachten, stehen wir vor einem der tiefgründigsten und zugleich erhabensten Texte der gesamten Bibel. Diese Verse sind kein einfacher Einstieg, sondern eine gewaltige Ouvertüre, die das gesamte Thema des Evangeliums vorwegnimmt. Johannes beginnt nicht mit einer Geburtsgeschichte wie Matthäus und Lukas, nicht mit der Predigt des Täufers wie Markus. Nein, Johannes startet dort, wo alles begann: im Anfang.

1. Einleitung: Unser Bedürfnis nach Ursprung und Sinn

Wir leben in einer Zeit der Oberflächlichkeit. Informationen prasseln auf uns ein, aber Weisheit wird selten. Wir sind vernetzt wie nie zuvor, aber Einsamkeit ist zur Volkskrankheit geworden. Wir haben Zugang zu unendlichem Wissen, aber die großen Fragen bleiben: Woher kommen wir? Wozu sind wir hier? Wohin gehen wir? In diese existenzielle Leere spricht Johannes mit einer Klarheit, die bis heute nachhallt.

Der Prolog des Johannes-Evangeliums ist mehr als eine theologische Abhandlung. Er ist eine Liebeserklärung Gottes an seine Schöpfung. Eine Offenbarung, die unsere kleinlichen Vorstellungen von Gott sprengt. Hier wird uns nicht ein Gott präsentiert, den wir uns zurechtlegen können, sondern der Gott, der sich selbst offenbart. Und diese Offenbarung beginnt mit einem Begriff, der uns vertraut und doch fremd ist: das Wort.

2. Biblische Auslegung: Tiefgang im Text

Der Kontext im Johannesevangelium

Johannes schrieb sein Evangelium vermutlich gegen Ende des ersten Jahrhunderts, als die erste Generation der Augenzeugen Jesu langsam verstarb. Seine Gemeinde kannte die anderen Evangelien, aber Johannes wollte mehr. Er wollte die tiefere, die geistliche Wahrheit hinter den Ereignissen enthüllen. Sein Evangelium ist wie ein guter Wein: oberflächlich betrachtet klar und einfach, aber je länger man ihn kostet, desto mehr Schichten der Bedeutung tun sich auf.

Der Prolog (Johannes 1,1-18) fungiert als theologischer Kompass für alles Folgende. Jedes Wunder, jede Rede, jede Begegnung, die Johannes berichtet, muss im Licht dieser gewaltigen Einleitung gelesen werden. Hier wird der kosmische Christus vorgestellt, bevor der historische Jesus betritt.

Auslegung von Vers 1: "Im Anfang war das Wort"

"Im Anfang war das Wort" – Mit diesem Satz schlägt Johannes eine Brücke zum allerersten Satz der Bibel: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (1. Mose 1,1). Doch während Genesis vom Anfang der Schöpfung spricht, spricht Johannes vom Anfang vor aller Schöpfung. Bevor Zeit begann, bevor Materie existierte, bevor der erste Stern aufleuchtete – da war bereits das Wort.

Das griechische "Logos" (Wort) war in der antiken Philosophie ein zentraler Begriff. Für die Stoiker war der Logos die vernünftige Ordnung des Universums. Für Philo von Alexandrien, einen jüdischen Philosophen, war der Logos das Mittel, durch das Gott mit der Welt interagiert. Johannes greift diesen vertrauten Begriff auf und füllt ihn mit radikal neuer Bedeutung: Der Logos ist keine unpersönliche Kraft, sondern eine Person. Der Logos ist nicht nur bei Gott, der Logos ist Gott.

Hier begegnen wir dem ersten Zeichen, dem ersten Wunder der Offenbarung: Gott ist kommunikativ. Er ist kein schweigender, ferner Gott, sondern ein Gott, der sich mitteilt. Ein Gott des Wortes. Und dieses Wort war nicht nur ein flüchtiger Gedanke, es war in ewiger, unzerstörbarer Präsenz. In einer Welt der Vergänglichkeit ist dies eine atemberaubende Wahrheit: Es gibt eine Wirklichkeit, die allem zugrunde liegt und die nicht vergeht.

Auslegung von Vers 2: "Dieses war im Anfang bei Gott"

Vers 2 wirkt wie eine bewusste Wiederholung, eine Betonung der ewigen Gemeinschaft innerhalb der Gottheit. "Dieses war im Anfang bei Gott". Der Logos war nicht nur in abstrakter Existenz, er war bei Gott. Hier öffnet sich ein Blick in das innere Leben Gottes selbst: ewige Gemeinschaft, ewige Beziehung, ewige Kommunikation.

Die Präposition "bei" (griechisch: pros) drückt mehr aus als nur räumliche Nähe. Sie bezeichnet Hinwendung, Angesicht-zu-Angesicht-Beziehung. Bevor Gott etwas nach außen schuf, gab es bereits diese vollkommene, liebende Gemeinschaft im Inneren der Gottheit. Der Vater, der Sohn (das Wort) und der Heilige Geist in ewiger, vollkommener Einheit.

Dies führt uns zum gewaltigen "Ich bin" des Johannes-Evangeliums. Später wird Jesus sieben "Ich-bin-Worte" sprechen: "Ich bin das Brot des Lebens", "Ich bin das Licht der Welt", "Ich bin die Tür", "Ich bin der gute Hirte", "Ich bin die Auferstehung und das Leben", "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", "Ich bin der wahre Weinstock". Jedes dieser "Ich-bin-Worte" wurzelt in dieser ewigen Identität des Logos. Jesus kann sagen "Ich bin", weil er der ist, der war, bevor alles wurde.

In einer Welt, die nach Identität sucht, bietet uns Johannes hier eine unfassbare Wahrheit: Unsere Identität findet sich nicht in dem, was wir tun oder haben, sondern in dem, zu wem wir in Beziehung stehen. Der Logos fand seine Identität in der ewigen Gemeinschaft mit dem Vater. So finden auch wir unsere wahre Identität nur in Gemeinschaft mit ihm.

Auslegung von Vers 3: "Alles ist durch dasselbe geworden"

Jetzt kommt die Brücke von der Ewigkeit zur Zeit, vom Schöpfer zur Schöpfung. "Alles ist durch dasselbe geworden, und ohne dasselbe ist auch nicht eines geworden, was geworden ist." Das Wort ist nicht nur der Offenbarer Gottes, sondern auch der Schöpfer aller Dinge. Das Neue Testament bestätigt dies an anderen Stellen: "Denn in ihm ist alles geschaffen worden, was im Himmel und auf der Erde ist" (Kolosser 1,16).

Hier begegnen wir dem schöpferischen Wirken des Geistes. Während der Logos das schöpferische Wort ist, ist der Geist die schöpferische Kraft, die das Wort wirksam werden lässt. Schon in der Schöpfungserzählung lesen wir: "Der Geist Gottes schwebte über den Wassern" (1. Mose 1,2). Schöpfung geschieht immer im Zusammenwirken von Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Und diese Schöpfung ist gut. Sie ist gewollt. Sie ist kein Zufallsprodukt, sondern Ausdruck des liebenden Willens des dreieinigen Gottes. Jedes Atom, jeder Stern, jede Blume, jeder Mensch trägt die "Handschrift" des Logos. Die Wissenschaft mag beschreiben, wie die Dinge geworden sind, aber nur das Wort offenbart, warum sie geworden sind: aus Liebe, zur Gemeinschaft.

Dies führt uns zur Wahrheit über unsere Welt und über uns selbst. Wir sind kein kosmischer Unfall. Unser Leben ist kein sinnloses Zwischenspiel. Wir sind gewollt, geliebt, mit Bedeutung und Würde ausgestattet – weil wir Geschöpfe des Wortes sind.

Und in dieser Wahrheit finden wir den Tröster, schon in der Schöpfung angelegt. Denn ein Gott, der so sorgfältig, so liebevoll eine Welt ins Dasein ruft, ist ein Gott, der sich um seine Geschöpfe kümmert. Ein Gott, der nicht ferne bleibt, sondern nahe kommt. Das wird sich vollends erweisen, wenn der Logos Fleisch wird und unter uns wohnt (Johannes 1,14).

Theologische Einordnung: Der Logos im Gesamtzusammenhang

Johannes stellt uns Jesus nicht als neu vor, sondern als den Ewigen, der endlich sichtbar wird. Das gesamte Evangelium wird zeigen, wie dieser ewige Logos in die Zeit eintritt, die Schöpfung betritt, die er selbst ins Dasein rief – und abgelehnt wird. Das ist die tragische Ironie des Johannes-Evangeliums: "Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht" (Johannes 1,10).

Doch genau in dieser Ablehnung geschieht die größte Offenbarung der Liebe Gottes. Der Logos, durch den alles wurde, lässt sich ans Kreuz nageln von den Geschöpfen, die er liebt. Und gerade dort, im scheinbaren Scheitern, wird die Herrlichkeit des Wortes vollends offenbar: die Herrlichkeit der sich hingebenden Liebe.

3. Praktische Anwendung: Was bedeutet das für uns?

Liebe Gemeinde, diese gewaltige Wahrheit ist nicht zum bloßen Bewundern gedacht. Sie will unser Leben verändern. Wie können wir das ewige Wort in unserem Alltag erfahren?

Für unsere Gottesbeziehung

Wenn der Logos Gott ist und bei Gott war, dann ist Jesus nicht nur ein guter Mensch oder ein großer Lehrer. Er ist Gott selbst, der zu uns kommt. Das verändert alles in unserer Beziehung zu Gott. Wir beten nicht zu einem fernen, unerreichbaren Gott, sondern zu dem, der sich in Jesus uns mitgeteilt hat. Unser Gebet wird zum Gespräch mit dem, der das Wort ist.

In einer Zeit, wo Spiritualität oft als diffuse "Energie" oder "Kraft" verstanden wird, gibt uns Johannes konkrete Gewissheit: Gott hat ein Gesicht. Er hat eine Stimme. Er hat sich definitiv geoffenbart in Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort.

Für unser Selbstverständnis

"Alles ist durch dasselbe geworden" – das schließt Sie und mich ein. Ihr Leben ist kein Zufall. Ihre Talente, Ihre Persönlichkeit, Ihre einzigartige Geschichte – alles ist durch das Wort geworden. Das verleiht unermessliche Würde. Sie sind kein Produkt des Zufalls, sondern ein gewolltes Kunstwerk des Schöpfer-Wortes.

In Zeiten der Selbstzweifel, wenn wir uns wertlos fühlen, dürfen wir uns an diese Wahrheit klammern: Der, durch den die Galaxien wurden, hat auch mich gewollt. Ich trage seine Handschrift. Ich bin sein Gedanke, ins Dasein gesprochen.

Für unsere Gemeinschaft

Wenn der Logos von Ewigkeit her bei Gott war, dann ist Gemeinschaft kein Add-on zum Christsein, sondern sein Wesenskern. Gott selbst ist Gemeinschaft – Vater, Sohn und Heiliger Geist in ewiger Liebe. Daher können auch wir als seine Ebenbilder nur in Gemeinschaft wahrhaft Mensch sein.

Unsere Gemeinde ist nicht zufällig zusammengewürfelt. Sie ist ein Abbild der dreieinigen Gemeinschaft. Jeder Konflikt, jede Versöhnung, jedes gemeinsame Gebet, jedes Teilen des Brotes – all das partizipiert an der ewigen Gemeinschaft des Logos mit dem Vater.

Für unseren Auftrag in der Welt

Das Wort ist schöpferisch. Es ruft ins Dasein, was nicht war. Als Nachfolger dieses Wortes sind wir berufen, schöpferisch in unserer Welt zu handeln. Nicht im Sinn von "ex nihilo"-Schöpfung wie Gott, aber im Sinn von neuschaffender Gnade: Versöhnung stiften, wo Zwietracht ist; Hoffnung säen, wo Verzweiflung herrscht; Würde zusprechen, wo Menschen entwertet werden.

Jedes Wort der Vergebung, das wir sprechen, jedes Wort der Ermutigung, jede Wahrheit, die wir in Liebe sagen – all das partizipiert am schöpferischen Wirken des Logos. Wir werden zu "Mundstücken" des ewigen Wortes in unserer Zeit.

Herausforderungen und Chancen

Die Herausforderung liegt in der Unfassbarkeit dieser Wahrheit. Wie können wir den Ewigen fassen mit unseren zeitlichen Begriffen? Wie können wir den Schöpfer aller Dinge in unsere kleinen Lebensgeschichten integrieren?

Die Chance liegt genau darin: Unser kleiner Glaube wird in eine unendlich große Wahrheit eingebettet. Unser schwaches Vertrauen wird getragen von dem, der die Sterne trägt. Unsere momentane Situation wird überschattet von der ewigen Perspektive des Wortes, das am Ziel aller Dinge steht.

4. Abschluss: Zusammenfassung und Appell

Liebe Gemeinde, liebe Freunde von glaube-ich.de, fassen wir zusammen:

1. Das Wort war im Anfang – bevor alles wurde, war Jesus Christus als ewiger Sohn beim Vater. Unsere Existenz hat einen Ursprung in ihm.

2. Das Wort war bei Gott – Gott ist von Ewigkeit her Gemeinschaft. Unser Verlangen nach Beziehung ist ein Echo dieser göttlichen Wirklichkeit.

3. Das Wort war Gott – Jesus ist nicht weniger als Gott. In ihm begegnet uns Gott persönlich.

4. Alles ist durch das Wort geworden – Unsere Welt ist kein Zufallsprodukt, sondern gewollte Schöpfung. Jeder Mensch trägt unauslöschliche Würde als Geschöpf des Wortes.

Mein Appell an Sie heute ist zweifach:

Erstens: Lassen Sie sich von der Größe dieser Wahrheit demütigen und trösten. Unser Glaube steht nicht auf unseren schwachen Schultern, sondern auf dem ewigen Fels des Wortes, das vor aller Zeit war.

Zweitens: Werden Sie selbst zu Trägern dieses Wortes in Ihrer Welt. Wie der Logos Fleisch wurde und unter uns wohnte, so soll das Wort durch Sie Gestalt annehmen in Ihren Familien, an Ihrem Arbeitsplatz, in unserer Gemeinde.

Vielleicht sind Sie heute hier oder auf glaube-ich.de und haben das Wort noch nie persönlich angenommen. Johannes schreibt: "Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden" (Johannes 1,12). Das ewige Wort steht an der Tür Ihres Herzens und klopft. Öffnen Sie heute.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem ewigen Wort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte.

Amen.

Predigt zu Johannes 1,1-3 | Für die Gemeinde und Besucher von glaube-ich.de