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Matthäus 11,4-5:

Predigt: Matthäus 11 – Zwischen Zweifel & Offenbarung

Zwischen Zweifel & Offenbarung
Eine Betrachtung zu Matthäus 11

1. Auslegung des Kapitels: Wo der Weg steinig wird

Wir befinden uns inmitten des Wirkens Jesu. Wunder geschehen, Reden hallen nach, eine Bewegung entsteht. Und doch: In Matthäus 11, Vers 2 sitzt Johannes der Täufer im Gefängnis. Der Mann, der Jesus als "Lamm Gottes" angekündigt hat, der Feuer und Geist predigte, sitzt jetzt in der Dunkelheit eines Kerkers. Die Umstände sind hart, die Erwartungen vielleicht unerfüllt, die Zukunft ungewiss. Aus dieser Dunkelheit heraus sendet er seine Jünger zu Jesus mit einer erschütternden Frage: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" (Mt 11,3).

Matthäus 11,4-5: "Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt."

Jesus antwortet nicht mit einem simplen "Ja" oder mit theologischer Theorie. Er verweist auf das, was geschieht. Seine Antwort ist ein Bilderbogen der Erfüllung. Er zitiert implizit Jesaja (Jes 35,5-6; 61,1) und zeigt: Schaut hin! Das Reich Gottes bricht nicht mit politischer Macht oder spektakulärer Befreiung aus dem Gefängnis herein, sondern in der heilenden, wiederherstellenden, lebensspendenden Kraft, die die Welt von Grund auf verändert. Jesus offenbart sich als der Messias, aber auf eine Weise, die alle Erwartungen zugleich erfüllt und verwandelt.

Nachdem die Jünger des Johannes gegangen sind, wendet sich Jesus der Menge zu und beginnt, über Johannes zu sprechen. Seine Worte sind voller Hochachtung: "Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Ein Rohr, das vom Wind hin und her bewegt wird?" (Mt 11,7). Johannes war kein wankelmütiger Opportunist. Er war ein Prophet, ja, "mehr als ein Prophet" (Mt 11,9). Er war der Bote, der den Weg bereiten sollte. In ihm gipfelte die ganze prophetische Linie des Alten Bundes.

Matthäus 11,11: "Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er."

Dieser Vers ist ein Schlüssel. Jesus stellt Johannes als den Höhepunkt der alten Ordnung auf ein einzigartiges Podest. Und dann kommt der gewaltige Kontrast: Der Geringste im neuen Reich, das mit Jesus anbricht, hat einen höheren Stand als dieser Höchste der alten Zeit. Warum? Nicht wegen seiner persönlichen Leistung, sondern wegen seiner Nähe zu Christus. Das Reich der Himmel, das in Jesus gegenwärtig wird, ist eine völlig neue, unvergleichliche Wirklichkeit. Gott wirkt hier in einer unmittelbaren, personhaften Weise, die alles Dagewesene in den Schatten stellt. Die Offenbarung ist da – mitten unter ihnen.

2. Bezug zur Lebenswelt: Wenn die Gewissheit wackelt

Der Zweifel hat einen Namen

Die Frage des Johannes ist nicht die eines Ungläubigen, sondern die eines Erschöpften. Sie kommt nicht aus mangelndem Wissen, sondern aus leidvoller Erfahrung. Wer von uns kennt das nicht? Da hat man geglaubt, einen sicheren Weg unter Gottes Führung zu gehen – und plötzlich landet man in einer Art "Gefängnis": eine Krankheit, die nicht weicht; ein zerbrochenes Vertrauen; ein Gebet, das wie an eine Decke zu prallen scheint; eine Gemeinde, die müde wirkt. In solchen Momenten kann die bohrende Frage aufsteigen: "Bist du es wirklich? Ist das dein Weg? Sollen wir auf etwas anderes hoffen?" Dieser Zweifel ist kein Zeichen des Versagens, sondern oft ein ehrlicher Ausdruck der Enttäuschung, dass Gottes Wirken anders aussieht als gedacht.

Gottes Antwort: Schau auf das Wirken

Jesus schickt Johannes keine dogmatische Abhandlung. Er sagt: "Berichtet, was ihr seht und hört." Gottes Offenbarung ist oft weniger ein Argument für den Kopf als eine Wirklichkeit für die Augen und Ohren. Wo geschieht heute Heilung, auch im Kleinen? Wo wird Hoffnung gepredigt an Orte der Armut – seien sie finanziell, emotional oder geistlich? Wo stehen Menschen innerlich von totem Glauben wieder auf? Seine Antwort lädt uns ein, den Blick zu weiten: Gott wirkt oft im Verborgenen, im Unspektakulären, im liebevollen Detail. Er baut sein Reich nicht immer durch spektakuläre Befreiung aus dem Gefängnis, sondern durch seine Gegenwart im Gefängnis.

Die neue Größe im Reich Gottes

Das Wort über Johannes trifft auch uns. Wir leben auf dieser Seite von Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Wir gehören zu der neuen Ordnung, in der der Geist Gottes in uns wohnt. Das macht den Geringsten unter uns "größer" als Johannes – nicht aufgrund eigener Verdienste, sondern aufgrund der unermesslichen Gabe, die uns geschenkt ist: die innige Gemeinschaft mit Christus selbst. Unsere "Größe" liegt in der empfangenen Gnade. Das demütigt und tröstet zugleich. Unser Glaube muss nicht die heroische Standhaftigkeit des Täufers im Kerker haben. Er darf sich an der schlichten, gegenwärtigen Nähe Jesu nähren, die uns in Wort und Sakrament zugesprochen wird.

3. Praktische Umsetzung: Im Alltag gehalten

Was bedeutet das für Montag morgen? Erstens: Gebt dem Zweifel eine Stimke. Bringt ihn wie Johannes im Gebet vor Jesus. Zweifel, der verschwiegen wird, vergiftet. Zweifel, der im Gebet ausgebreitet wird, kann zum Ort der neuen Begegnung werden. Zweitens: Richtet euren Blick bewusst auf die kleinen Zeichen des Reiches Gottes. Wo hat heute jemand Trost erfahren? Wo ist eine Versöhnung geschehen? Wo wurde in Hoffnungslosigkeit Gottes Treue bekannt? Führt ein "Tagebuch der Gottes-Spurensuche". Drittens: Lebt aus der geschenkten Größe der Kindschaft. Ihr seid nicht auf eure Glaubensstärke angewiesen, sondern auf die Treue dessen, der in euch angefangen hat, das gute Werk zu tun.

Schluss: Ein hoffnungsvoller Zuspruch

Matthäus 11 endet nicht mit der Frage des Johannes. Es endet mit dem liebevollen Ruf Jesu an alle Mühseligen und Beladenen (V. 28). Genau dorthin führt dieser Abschnitt uns: Von der Dunkelheit des Zweifels zur Einladung in die Ruhe bei dem, der sich als der sanftmütige und demütige Herr offenbart. Ihr dürft müde sein. Ihr dürft Fragen haben. Bringt sie zu dem, der auf die Frage des Täufers mit den Werken der Barmherzigkeit antwortete und am Ende die Arme ausbreitete, um die ganze Last der Welt – und auch Ihre Last – an das Kreuz zu tragen. Er ist es. Wir brauchen auf keinen anderen zu warten. In seiner Offenbarung finden wir, auch in unseren Zweifeln, einen festen Grund.

© 2025 Michael Flesch - https://glaube-ich.de

Predigt zum Thema "Zweifel & Offenbarung" nach Matthäus 11,2-11.