1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Wo die Stimme der Wahrheit im Lärm der Welt verstummt

In dieser ersten Station des Kreuzweges sind wir Zeugen eines der erschütterndsten Justizverbrechen der Menschheitsgeschichte. Vor dem Prätorium des Pontius Pilatus verdichtet sich alles menschliche Versagen, alle politische Feigheit und religiöse Heuchelei zu einem einzigen vernichtenden Urteil: "Kreuzige ihn!" (Markus 15,13).

Die erste Station des Kreuzweges: Jesus wird von Pilatus zum Tode verurteilt.

„Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie ihm auf das Haupt. Pilatus aber ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde!“ (Johannes 19,1-4)

Ein Richter, der zittert – ein Unschuldiger, der schweigt. Die Morgensonne bricht über Jerusalem an, doch in den Hallen der Macht herrscht Finsternis. Pontius Pilatus, Statthalter Roms, steht zwischen Hammer und Amboss. Vor ihm der gegeißelte Jesus, blutüberströmt, die Hände gefesselt, sein Leib eine einzige Wunde. Hinter ihm die tobende Menge, aufgehetzt von den Hohenpriestern, die nach dem Tod dieses einen Mannes gieren. Pilatus weiß, dass hier ein Unschuldiger vor ihm steht. Er spürt es – in den kalten Schauern, die ihm über den Rücken laufen, in der dröhnenden Stimme seiner Frau, die ihn warnt: „Lass die Hände von diesem Gerechten!“ (Matthäus 27,19)

Doch Pilatus hat Angst. Angst vor Aufruhr, Angst vor dem Kaiser, Angst um seine Karriere. Und so beginnt das erbärmliche Schauspiel eines Mannes, der die Wahrheit kennt – und sie dennoch opfert. Er wäscht seine Hände vor dem Volk und ruft: „Ich bin unschuldig an diesem Blut!“ (Matthäus 27,24) Doch diese Geste ist leer. Sie ist nicht Reinigung, sondern Schuldbekenntnis. Denn wer die Macht hat, das Richtige zu tun, und es nicht tut, der ist mitschuldig.

Diese dramatische Szene lehrt uns auch heute, dass Moral und Integrität nicht bloß Konzepte der Vergangenheit sind. Pilatus ist kein Ungeheuer – er ist ein Mensch wie wir. Ein Mensch, der sich rechtfertigt, der Ausflüchte sucht, der den leisen Ruf der Gewissen übertönt. Wie oft stehen auch wir an solchen Scheidewegen? Wie oft schweigen wir, wo wir reden müssten? Wie oft biegen wir uns, wo wir standhalten sollten?

Die Verurteilung Jesu ist nicht nur ein historisches Ereignis – sie wiederholt sich jeden Tag. Im Büro, wo Unrecht gedeckt wird, weil man „keine Wellen schlagen“ will. In der Politik, wo Menschen verraten werden, um Stimmen zu gewinnen. In unserem eigenen Herzen, wenn wir wegschauen, weil der Preis der Wahrheit zu hoch scheint.

Doch mitten in dieser Tragödie steht einer, der alles verändert: Jesus. Er schweigt. Er widerspricht nicht. Er lässt sich erniedrigen, damit wir erkennen: Die wahre Macht liegt nicht in der Gewalt, sondern in der Hingabe. Nicht im Sieg, sondern in der Liebe, die sich opfert.

Pilatus dachte, er habe die Kontrolle. Doch am Ende war es nicht er, der Jesus richtete – sondern Jesus, der ihn richtete. Durch sein Schweigen. Durch sein Leiden. Durch seine unerschütterliche Würde.

Was sollen wir daraus lernen? Dass wir niemals Kompromisse machen dürfen, wenn es um Unschuld und Wahrheit geht. Dass wir Mut brauchen, selbst wenn die ganze Welt schreit: „Kreuzige ihn!“ Dass jedes Mal, wenn wir uns für das Gute entscheiden – auch wenn es uns kostet –, ein Stück des Reiches Gottes aufleuchtet in dieser gefallenen Welt.

Möge der Anblick des gefolterten Christus uns aufrütteln – damit wir nie wie Pilatus werden, sondern wie jener Schächer, der später am Kreuz bekannte: „Dieser hat nichts Unrechtes getan.“ (Lukas 23,41) Denn am Ende wird nicht die Menge richten – sondern der, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Mögen wir in der Dunkelheit der heutigen Welt leuchten als Fackeln der Gerechtigkeit, die der Wahrheit treu bleiben, ebenso wie Jesus.