Gottes Traum für die Liebe
Gottes Traum für die Liebe – Mehr als nur ein Vertrag
Eine Predigt über Markus 10,5-8
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
Stellen Sie sich vor, Sie kaufen sich ein hochmodernes, komplexes Gerät. Ein neues Smartphone, einen intelligenten Roboter oder vielleicht eine komplizierte Kaffeemaschine. Was ist das Erste, was Sie tun, nachdem Sie die aufregende Verpackung aufgerissen haben? Richtig: Sie schauen in die Bedienungsanleitung. Warum? Weil der Erfinder, der Konstrukteur, genau weiß, wie dieses Gerät funktionieren soll, was ihm schadet und was ihm guttut. Er hat einen Plan, einen Traum, eine Bestimmung für seine Schöpfung.
Heute morgen wollen wir über eine der tiefgründigsten und gleichzeitig zerbrechlichsten Wirklichkeiten unseres Lebens sprechen: über die Liebe, über die Ehe, über die Sehnsucht nach verbindlicher Gemeinschaft. Viele von uns tragen Träume in sich von einer Liebe, die hält, von einer Partnerschaft, die trägt, von einem „Wir“, das stärker ist als alle Stürme des Lebens. Und doch erleben wir so oft das Gegenteil: Enttäuschung, Kränkung, Gleichgültigkeit, Trennungen – in der Gesellschaft, vielleicht sogar in der eigenen Familie, manchmal im eigenen Herzen.
Und genau an diesem Punkt, an dieser Schnittstelle zwischen unserem Sehnen und unserem Scheitern, öffnen wir heute das Wort Gottes. Wir schlagen nicht die Bedienungsanleitung für ein Gerät auf, sondern die ursprüngliche Liebeserklärung des Schöpfers an uns Menschen. Unser Text in Markus 10 handelt von Ehe und Scheidung. Aber er geht so viel tiefer. Er handelt von Gottes gutem, ursprünglichem Traum für unser Leben in Beziehung. Er handelt davon, warum dieser Traum so oft zerbricht und – das ist die großartige Botschaft des Evangeliums – wie wir immer wieder neu an diesem Traum teilhaben können. Lasst uns also gemeinsam eintauchen in diese kraftvollen Worte Jesu.
Die Situation ist angespannt. Die Pharisäer stellen Jesus eine Fangfrage: „Ist es einem Mann erlaubt, sich von seiner Frau zu scheiden?“ Sie wollen ihn in eine theologische oder politische Falle locken. Doch Jesus durchschaut sie. Er antwortet nicht mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“, sondern er geht an die Wurzel.
Er spricht von der „Härte eures Herzens“. Was meint er damit? Das Herz, in der biblischen Sprache das Zentrum des Willens, des Denkens und der Persönlichkeit, ist nicht mehr weich, formbar und vertrauensvoll auf Gott ausgerichtet. Es ist verhärtet, abgekapselt, selbstbezogen. Die Sünde – diese grundlegende Trennung von Gott – hat eine innere Verhärtung zur Folge, die sich besonders in unseren Beziehungen zeigt: Egoismus, mangelnde Vergebungsbereitschaft, die Haltung, den anderen benutzen und, wenn er nicht mehr „funktioniert“, wegwerfen zu können.
Gott gab dem Mose im Alten Testament Gesetze zur Scheidung (5. Mose 24,1). Jesus sagt hier etwas Unglaubliches: Diese Gesetze waren kein erster, göttlicher Traum für die Ehe. Sie waren ein Schutzraum für die gebrochene Realität. Sie sollten in einer von Sünde gezeichneten Welt das Chaos begrenzen und vor allem die Frauen, die in dieser Kultur oft schutzlos waren, ein wenig absichern. Gott begegnet uns also genau dort, wo wir sind: in unserer Hartherzigkeit. Er stellt sich nicht einfach vor uns hin und brüllt: „So nicht!“, sondern er gibt uns – in seiner Gnade – Regeln für den schlimmsten Fall, um Schlimmeres zu verhindern.
Hartherzigkeit (griech. sklerokardia) ist mehr als nur Sturheit. Es ist ein spiritueller Zustand, der aus der Abwendung von Gott resultiert. Ein weiches Herz ist empfänglich für Gottes Wort und den Mitmenschen; es ist verletzlich, aber auch vergebungsfähig. Ein hartes Herz hingegen ist wie ein Panzer aus Selbstschutz, Stolz und Bitterkeit. Es schirmt sich ab – sowohl gegen den heilenden Zuspruch Gottes als auch gegen die Bedürfnisse des Nächsten. Die Gesetze des Mose waren eine gnädige Antwort Gottes auf diesen gefallenen Zustand, nicht seine ursprüngliche Absicht.
Jetzt holt Jesus aus. Er geht nicht zu Mose zurück, sondern zum Anfang. Zum Ursprung. Zur unverdorbenen Schöpfung, bevor die Sünde und die Hartherzigkeit Einzug hielten. Er zitiert aus dem allerersten Kapitel der Bibel, aus 1. Mose 1.
„Am Anfang“ – das ist die Blaupause. Das ist der perfekte Plan Gottes, so wie es sein sollte. Und in diesem Plan steht die Polarität und Gleichwertigkeit von „männlich und weiblich“. Dies ist keine beliebige Konstellation, sondern eine gottgewollte, sich ergänzende Vielfalt innerhalb der Menschheit. Beide, Mann und Frau, sind gleichermaßen Ebenbilder Gottes. Die Gemeinschaft, die aus dieser Unterschiedlichkeit entsteht, ist ein Abbild der Gemeinschaft in Gott selbst. Hier, am Anfang, gibt es keine Machtspiele, keine Ausbeutung, kein Missverständnis der Rollen. Es gibt nur die freudige, ergänzende Begegnung zweier Menschen, die vor Gott gleichwertig sind.
Nun wird es konkret. Jesus zitiert weiter, jetzt aus 1. Mose 2,24. Er beschreibt den Weg in diese ursprüngliche Gemeinschaft hinein. Dieser Weg hat drei entscheidende Schritte:
- Verlassen: „Ein Mann wird seinen Vater und seine Mutter verlassen." Dies ist mehr als nur ausziehen. Es ist ein innerliches Lösen der primären Familienbindung, um eine neue primäre Bindung einzugehen. Es ist ein Akt des Erwachsenwerdens und der bewussten Entscheidung.
- Anhängen: „...und wird an seiner Frau hängen." Das ist ein wunderbares, bildhaftes Wort. Es bedeutet, sich festzuklammern, sich zu verbinden, treu anzugehören. Es beschreibt eine tiefe emotionale, geistige und willentliche Bindung. Es ist die Entscheidung: „Mein Leben ist jetzt mit deinem Leben verbunden. Du bist mein Zuhause."
- Ein Fleisch werden: „...und die zwei werden ein Fleisch sein." Das ist die tiefste Ebene. Es umfasst die körperliche Vereinigung, geht aber weit darüber hinaus. „Ein Fleisch" beschreibt eine neue, unauflösliche Einheit. Es ist eine Lebens-, Schicksals- und Liebesgemeinschaft, die eine eigene, neue Identität schafft – das „Wir". Diese Einheit ist so real, dass Jesus den kühnen Satz sagt: „Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins."
Gott sieht die Ehe nicht als einen Vertrag, den man unter bestimmten Bedingungen kündigen kann. Er sieht sie als ein lebendiges Ganzes, als eine neue Schöpfungseinheit. Einen Bund. Man kann eine Einheit nicht „scheiden", ohne sie zu zerreißen. Das ist das Ideal. Das ist der Traum Gottes.
Der Begriff „ein Fleisch" (griech. mia sarx) ist eine der eindrücklichsten Beschreibungen von Intimität in der Bibel. „Fleisch" (sarx) steht für die ganze Person in ihrer Geschöpflichkeit und Verletzlichkeit. „Ein Fleisch" zu sein bedeutet daher:
- Ganzheitliche Gemeinschaft: Nicht nur körperlich, sondern auch emotional, geistig und sozial verbunden.
- Tiefe Verwundbarkeit: Man gibt dem anderen Macht über sich selbst – zum Guten wie zum Schlechten.
- Bund, nicht Vertrag: Ein Bund (wie der Bund Gottes mit seinem Volk) ist eine bedingungslose, auf Gnade und Treue basierende Zusage. Ein Vertrag hingegen beruht auf Bedingungen („Wenn du x tust, tue ich y").
Diese „ein Fleisch"-Einheit ist ein heiliges Mysterium, das die Einheit Christi mit seiner Gemeinde vorzeichnet (Epheser 5,31-32). Sie ist ein Abbild der göttlichen Liebe in dieser Welt.
Anwendung auf die heutige Zeit
Liebe Gemeinde, wenn wir das hören, könnte uns fast angst und bange werden. Dieser Maßstab ist so hoch, dieser Traum so perfekt – und unsere Realität sieht oft so anders aus. Wir leben in einer Welt, die Beziehungen oft als Konsumgut sieht: „Ich nehme dich, solange du meine Bedürfnisse erfüllst. Wenn nicht, ist die Beziehung halt zu Ende." Die Idee des lebenslangen „Anhängens" und der „Ein-Fleisch"-Einheit wirkt wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit.
Vielleicht sitzt hier jemand, dessen Ehe gescheitert ist, und diese Worte tun weh. Vielleicht denkt ein Jugendlicher: „Das ist ja unrealistisch, das schafft doch keiner!" Vielleicht kämpft eine Ehe gerade mit Kälte und Entfremdung, und der Traum von der „Einheit" scheint unerreichbar weit weg.
An diesem Punkt müssen wir genau hinschauen: Was ist die Botschaft Jesu für uns heute? Ist es nur ein unerreichbares Ideal, das uns anklagt?
Nein! Ganz im Gegenteil. Die Botschaft ist: Der Maßstab zeigt uns nicht in erster Linie, was wir zu leisten haben, sondern was Gott für uns vorgesehen hat. Er zeigt uns die Tiefe und Schönheit seiner ursprünglichen Schöpfung. Und genau das offenbart uns, warum wir scheitern: nicht, weil der Traum falsch ist, sondern weil unsere Herzen hart geworden sind.
Diese Hartherzigkeit ist das eigentliche Problem. Sie zeigt sich nicht nur in dramatischen Scheidungen, sondern im Alltag:
- Wenn wir nachtragend sind, anstatt Vergebung zu üben.
- Wenn wir auf unserem Recht beharren, anstatt auf Versöhnung hinzuarbeiten.
- Wenn wir den Partner als Funktionsträger sehen (Ernährer, Mutter, Putzhilfe), anstatt als geliebtes Ebenbild Gottes.
- Wenn wir Beziehungen nur nach ihrem Nutzen für uns bewerten.
Die gute, evangelistische Nachricht ist: Jesus Christus ist gekommen, genau dieses Problem der Hartherzigkeit zu heilen! Der Prophet Hesekiel verheißt: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben. Ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben." (Hesekiel 36,26). Das ist das Werk Christi am Kreuz: Er durchbricht die Macht der Sünde, die unsere Herzen verhärtet. Er nimmt uns unseren Stolz, unsere Bitterkeit, unsere Selbstsucht ab und schenkt uns ein neues, weiches Herz – ein Herz, das fähig ist zu lieben, wie er geliebt hat.
Der Traum Gottes für die Liebe ist also kein Gesetz, das wir aus eigener Kraft erfüllen müssen. Er ist eine Einladung, diese neue Herzensqualität von Jesus zu empfangen und in unseren Beziehungen wirken zu lassen.
Die christliche Ehe ist mehr als eine soziale Institution. Sie ist ein „lebendiges Gleichnis" für die Welt. Sie soll sichtbar machen, wie Christus seine Gemeinde liebt (unbedingt, opferbereit, treu) und wie die Gemeinde auf Christus antwortet (in Vertrauen und Hingabe). Wenn eine Ehe diese Art von Liebe, Vergebung und Treue praktiziert – trotz aller Unvollkommenheit –, predigt sie das Evangelium ohne Worte. Sie zeigt einer zerrissenen Welt, dass Versöhnung und unzerbrechliche Treue möglich sind, weil Gott selbst die Quelle dieser Liebe ist. In diesem Sinne hat jede geführte, vergebende, liebende Ehe eine tiefgreifende evangelistische Dimension.
Konkrete Handlungsimpulse für den Alltag
Wie kann das nun im Alltag aussehen? Ob Sie verheiratet sind, alleinstehend, geschieden oder verwitwet – diese Wahrheiten sind für Sie relevant, denn sie handeln von der Qualität aller unserer Beziehungen.
Für Ehepaare:
- Pflegen Sie das „Anhängen": Nehmen Sie sich bewusst Zeit füreinander, ohne Ablenkung. Ein tägliches Zehn-Minuten-Gespräch, in dem Sie wirklich zuhören. Ein Spaziergang, ein Date-Abend. Erinnern Sie sich aktiv an das, was Sie verbindet.
- Üben Sie die „Ein-Fleisch"-Sprache: Entscheiden Sie sich für eine Sprache des „Wir" statt des „Ich und Du". „Wie können wir das Problem lösen?" statt „Du bist das Problem."
- Machen Sie Vergebung zur Routine: Konflikte sind unvermeidbar. Entscheidend ist, ob wir darin stecken bleiben. Üben Sie sich darin, um Verzeihung zu bitten und Vergebung zu gewähren – nicht weil der andere es „verdient", sondern weil Christus uns zuerst vergeben hat.
Für Alleinstehende und Jugendliche:
- Prägen Sie sich das Ursprungsbild ein: Lassen Sie sich von Gottes Traum für die Liebe prägen, nicht von den oft oberflächlichen Bildern der Gesellschaft. Beten Sie um Weisheit für Beziehungen und um ein Herz, das fähig ist zu lieben und sich zu binden.
- Üben Sie Treue im Kleinen: Die Fähigkeit zur lebenslangen Treue wird in kleinen Schritten geübt: Halten Sie Freundschaften, stehen Sie zu Ihrem Wort, bleiben Sie einer Gemeinde verbunden.
Für alle, die unter gebrochenen Beziehungen leiden (ob durch Scheidung, Tod oder Entfremdung):
- Erlauben Sie sich die Trauer: Der Schmerz über eine zerbrochene Einheit ist real und legitim. Bringen Sie diesen Schmerz zu Jesus. Er verurteilt Sie nicht, er heilt die zerbrochenen Herzen (Psalm 147,3).
- Gottes Gnade gilt Ihnen: Denken Sie daran: Die Gesetze des Mose waren ein gnädiger Schutz für die gebrochene Realität. Gottes Gnade in Jesus Christus ist unendlich größer. In ihm gibt es keine endgültige Verdammung, sondern einen neuen Anfang. Ihre Identität und Ihre Würde ruhen nicht auf dem Gelingen Ihrer Ehe, sondern darauf, dass Sie ein geliebtes Kind Gottes sind.
Zusammenfassung, hoffnungsvoller Zuspruch und Segen
Liebe Gemeinde, was nehmen wir also heute mit?
- Gottes Traum ist schön: Sein ursprünglicher Plan für die Liebe zwischen Mann und Frau ist eine tiefe, lebenslange Einheit – ein Bund der Treue, der seine eigene, unzerbrechliche Identität schafft.
- Unser Problem ist real: Unser scheinbar Unvermögen, diesen Traum zu leben, kommt von der „Hartherzigkeit", der Sünde, die unsere Herzen von Gott und voneinander trennt.
- Gottes Antwort ist Jesus: Christus ist gekommen, um unsere steinernen Herzen gegen fleischerne auszutauschen. Er schenkt uns durch seinen Geist die Kraft, zu vergeben, treu zu sein und so zu lieben, wie er uns geliebt hat.
Der Traum Gottes für die Liebe ist also kein fernes Ideal, das uns anklagt. Er ist eine lebendige Verheißung, die in Jesus Christus Wirklichkeit werden kann. Er lädt uns ein, unsere Beziehungen – ob in der Ehe, in der Familie, in der Freundschaft – auf dieses Fundament zu stellen: auf die verwandelnde Gnade dessen, der uns zuerst geliebt hat und der uns nie verlässt.
Segen:
Und so gehe ich jetzt getröstet von dannen.
Gott gebe uns ein weiches Herz, das sich von ihm formen lässt.
Gott schenke uns den Mut, zu verlassen und anzuhängen.
Gott mache uns zu Werkzeugen seiner versöhnenden Liebe in einer zerrissenen Welt.
Und der Gott der Liebe, der am Anfang sprach: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei", der segne und behüte Sie. Er lasse sein Angesicht leuchten über Ihnen und sei Ihnen gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf Sie und gebe Ihnen seinen Frieden. Amen.