Die Familie Gottes
Die Familie Gottes
Eine Betrachtung zu Matthäus 12,46-50 über die wahre Gemeinschaft mit Christus
Einleitung
Diese Worte unseres Herrn, geliebte Gemeinde, mögen uns zunächst hart erscheinen, fast verletzend in ihrer Schroffheit. Sie berühren uns an einer zarten Stelle, dort, wo unsere tiefsten menschlichen Bindungen wohnen, die zur Familie. Und doch, wenn wir im Glauben und im Vertrauen auf die unergründliche Liebe Christi verweilen, werden wir erkennen, dass diese Worte nicht eine Abwertung, sondern eine unermessliche Aufwertung, eine heilige Erweiterung der Familie Gottes bedeuten.
Sie öffnen uns die Pforten zu einer Gemeinschaft, die tiefer reicht als das Blut und beständiger ist als die Bande dieser Welt.
In der Stille unserer Herzen, in den verborgenen Kammern unserer Sehnsucht, tragen wir alle ein Bild von Zugehörigkeit. Wir sehnen uns nach einem Ort, an dem wir angenommen sind, ganz und gar, ohne Vorbehalt und ohne Bedingung. Diese Sehnsucht ist kein Zufall. Sie ist uns von unserem Schöpfer ins Herz gelegt, ein Abglanz jener vollkommenen Gemeinschaft, die in der Dreieinigkeit Gottes selbst ewiglich wohnt.
Auslegung
Die Frage, die alles verändert
Betrachten wir den Text Vers für Vers, um den Reichtum seiner göttlichen Weisheit zu ergründen.
In Vers 48 geschieht das Befremdliche: "Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?" Die Antwort Jesu klingt wie eine schroffe Abweisung, fast wie eine Verleugnung seiner Familie. Doch wir müssen genau hinhören. Es ist keine Verneinung, sondern eine Frage. Eine Frage, die in die Tiefe zielt, die unsere ganzen natürlichen Vorstellungen von Gemeinschaft in Frage stellt und auf eine höhere Ebene hebt.
Theologische Vertiefung: Die "Brüder" Jesu
In diesem Text und an anderen Stellen des Neuen Testaments werden "Brüder" Jesu erwähnt. In der kirchlichen Tradition, insbesondere in der östlichen und westlichen Kirche, wurde dies stets im Sinne von Verwandten, etwa Cousins, verstanden, nicht als leibliche Geschwister. Diese Auffassung bewahrt die immerwährende Jungfräulichkeit Marias, die als "aeiparthenos" – die Immerjungfräuliche – bekannt und verehrt wird.
Die neue Definition von Familie
Das ist der große, der gnadenvolle Augenblick der Offenbarung in Vers 49: "Und er reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!"
Die ausgestreckte Hand ist eine Geste der Zuwendung, des Zeigens, der Einbeziehung. Sie umfasst nicht einen engen Familienkreis, sondern "seine Jünger". In diesem Kreis, in dieser Gemeinschaft des Glaubens und der Nachfolge, erkennt Jesus seine wahre Familie. Er schafft eine neue Verwandtschaft, die nicht auf biologischer Abstammung, sondern auf geistlicher Zugehörigkeit beruht.
Theologische Vertiefung: Maria als Urbild der gläubigen Seele
An diesem Gedenktag Marias müssen wir mit besonderer Ehrfurcht betrachten, wie diese Szene das vollkommene Vorbild der Mutter des Herrn nicht widerspricht, sondern vollendet. Maria ist diejenige, die den Willen des Vaters im vollkommensten Maße getan hat. Ihr "Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast" (Lukas 1,38) ist der größte Akt des Glaubensgehorsams in der Heilsgeschichte.
Das Kriterium der Zugehörigkeit
Vers 50 nennt das Kriterium für diese neue Zugehörigkeit: "Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter."
Es ist nicht die Abstammung, nicht die soziale Herkunft, nicht die nationale Zugehörigkeit. Es ist der Wille des Vaters im Himmel. Was ist dieser Wille? Der heilige Apostel Johannes gibt uns die Antwort: "Das ist der Wille des Vaters, dass wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben" (1. Joh 3,23).
Bezug zur Lebenswelt
Geliebte Gemeinde, was bedeutet diese gewaltige Wahrheit für uns heute, in einer Welt, die von Vereinzelung und der Suche nach Identität gezeichnet ist?
Wir leben in einem Zeitalter des zerrissenen Menschen. Die traditionellen Familienstrukturen bröckeln, die Mobilität trennt uns von unseren Wurzeln, die digitalen Netze schaffen oft nur eine Illusion von Gemeinschaft. Die Sehnsucht nach echter, tragfähiger Bindung ist größer denn je.
Und siehe, da tritt der Herr Jesus auch heute mitten unter uns und reckt seine Hand aus über alle, die ihm nachfolgen wollen, und spricht: "Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!"
Die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, ist diese Familie. Sie ist nicht nur eine Organisation oder eine Veranstaltung. Sie ist der lebendige Leib Christi, die Familie Gottes auf Erden. Hier findet der Einsame Geschwister. Hier findet der Verlorene eine Heimat.
Theologische Vertiefung: Die Kirche als Familie Gottes
Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche liebevoll als "die Familie Gottes" bezeichnet (Lumen Gentium 6). Diese Vorstellung ist tief in der Schrift verwurzelt. Die Kirche ist nicht primär eine Hierarchie oder ein Gebäude, sondern eine Gemeinschaft der Kinder Gottes, die durch den einen Geist getauft sind und den einen Herrn bekennen.
Praktische Umsetzung
Wie kann diese wunderbare Wahrheit nun konkret Gestalt gewinnen in unserem Alltag? Lassen Sie uns einige Handlungsimpulse bedenken.
1 Nimm deine Zugehörigkeit an
Vielleicht fühlst du dich unwürdig, ein Kind Gottes zu sein. Aber höre auf die Worte Jesu! Der Zutritt zu dieser Familie hängt nicht an deiner moralischen Vollkommenheit, sondern an deinem Glauben. Komm so, wie du bist.
2 Pflege die Gemeinschaft
Eine Familie lebt von der Begegnung. Nimm nicht nur passiv an den Gottesdiensten teil, sondern suche aktiv die Begegnung mit deinen Geschwistern im Glauben.
3 Weite dein Herz
Bitte den Herrn, dir seine Augen für die Menschen zu schenken, die "draußen" stehen. Nimm die Rolle des Boten ein, der die Einladung Jesu weiterreicht.
4 Tue den Willen des Vaters
Das ist das Herzstück. Lies täglich in der Heiligen Schrift, um den Willen des Vaters besser kennenzulernen. Bete, dass der Heilige Geist dir Kraft schenkt, diesen Willen auch zu tun.
Schluss
Geliebte Schwestern und Brüder, wir sind am Ende unserer Betrachtung angekommen. Der Herr Jesus Christus hat uns heute durch sein Wort eingeladen, uns beschenken lassen, uns herausgefordert.
Er hat die engen Grenzen unserer natürlichen Familien gesprengt und uns hineingestellt in die weite, unzerstörbare Familie Gottes.
An diesem Gedenktag blicken wir voll Dankbarkeit auf Maria, die Mutter des Herrn, die uns durch ihren gläubigen Gehorsam den Weg weist. Sie ist die Erste in dieser Familie, die vollkommene Jüngerin, die uns vorangeht.
Du, der du diese Worte liest, du gehörst dazu. Vielleicht fühlst du dich unwürdig, vielleicht bist du enttäuscht von irdischen Gemeinschaften, vielleicht bist du müde und suchst Ruhe. Siehe, der Herr reckt seine Hand aus über dich. Er nennt dich seinen Bruder, seine Schwester. Nimm diese unverdiente Gnade an. Komm heim in die Familie Gottes.