Eine Predigt über Johannes 1,4-10
Wort & Licht
Eine Predigt über Johannes 1,4-10
Herzlich willkommen!
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
Ich begrüße Sie herzlich auf dieser Plattform, die Ihnen eine geistliche Heimat bieten möchte. Hier finden Sie Nahrung für Ihre Seele, Stärkung für Ihren Glauben und Gemeinschaft mit anderen Christen. Möge Gott durch sein Wort zu Ihnen sprechen und Ihr Herz berühren.
Heute wollen wir uns einem der tiefgründigsten Texte des Neuen Testaments zuwenden: dem Prolog des Johannesevangeliums. Dieser Text ist wie ein strahlendes Juwel, das uns die Herrlichkeit Christi in Worten von unvergleichlicher Tiefe und Schönheit offenbart.
Das Johannesevangelium - Eine Einführung
Das Johannesevangelium unterscheidet sich deutlich von den drei synoptischen Evangelien. Während Matthäus, Markus und Lukas uns vor allem die Geschichten und Gleichnisse Jesu überliefern, bietet Johannes eine tiefgründige theologische Reflexion über die Person Jesu als den fleischgewordenen Gottessohn.
Charakteristisch für dieses Evangelium sind die berühmten 'Ich-bin-Worte' Jesu, die sieben Zeichen (Wunder) und die ausführlichen Reden, die Jesu göttliche Identität und seine Einheit mit dem Vater betonen. Johannes schreibt nicht einfach nur eine Biographie Jesu - er entfaltet eine Theologie der Herrlichkeit Gottes, die in Jesus Christus Fleisch geworden ist.
Der Bibeltext
4 In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.
6 Es trat ein Mensch auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes.
7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.
(Johannes 1,4-10 nach der Einheitsübersetzung)
1. Leben und Licht - Die grundlegende Offenbarung (Verse 4-5)
Leben in Fülle
"In ihm war Leben" - mit diesen wenigen Worten öffnet Johannes ein Tor zur Ewigkeit. Hier geht es nicht um biologisches Leben, nicht um die vorübergehende Existenz, die wir kennen. Nein, hier geht es um das göttliche Leben, um das Leben in seiner ursprünglichen, ungetrübten Fülle, wie Gott es von Anfang an gedacht hat.
Dieses Leben ist nicht etwas, das Jesus lediglich besitzt oder weitergibt - es ist in ihm, es ist sein Wesen. Jesus Christus ist nicht nur der Überbringer des Lebens, er ist das Leben selbst. In seiner Person sind Schöpfung und Erlösung, Anfang und Ziel, Zeit und Ewigkeit untrennbar verbunden.
Licht für die Finsternis
"Und das Leben war das Licht der Menschen." Was für eine wunderbare Verbindung! Das Leben, das in Christus ist, wird zum Licht für uns Menschen. Licht - das ist mehr als nur Erleuchtung oder Erkenntnis. In der biblischen Sprache steht Licht für Gottes rettende Gegenwart, für Wahrheit, für Heil und für Erlösung.
Dieses Licht scheint nicht von außen auf uns herab, sondern es geht von innen heraus - aus der Quelle des Lebens selbst. Es ist ein Licht, das nicht nur unsere Wege erhellt, sondern unser ganzes Sein durchdringt und verwandelt.
Der Kampf zwischen Licht und Finsternis
"Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen." Hier wird ein dramatischer Konflikt beschrieben: Das göttliche Licht dringt in die Finsternis unserer Welt ein. Die Finsternis - ein Bild für Sünde, Tod, Trennung von Gott und alles, was sich Gottes Herrlichkeit widersetzt - versucht, das Licht zu überwältigen, zu "ergreifen".
Aber sie vermag es nicht! Das ist die gute Nachricht: Gottes Licht ist stärker als jede Finsternis. Keine Sünde ist zu groß, keine Verzweiflung zu tief, keine Hoffnungslosigkeit zu ausweglos, als dass das Licht Christi sie nicht durchdringen könnte.
Für uns heute:
Was bedeutet das für unser Leben? Wir leben in einer Welt, die von Finsternis geprägt ist - von Kriegen, Ungerechtigkeit, Einsamkeit und Sinnlosigkeit. Aber das Evangelium verkündet: Das Licht scheint in dieser Finsternis! In Christus begegnet uns eine Kraft, die stärker ist als alles, was uns bedrückt und ängstigt.
Wenn Sie heute mit persönlichen Finsternissen kämpfen - mit Zweifeln, mit Schuld, mit Krankheit oder Verlust - dann wissen Sie: Das Licht Christi leuchtet auch in Ihre persönliche Finsternis hinein. Und keine Macht der Welt kann dieses Licht auslöschen.
2. Johannes der Täufer - Der Zeuge des Lichts (Verse 6-8)
Ein Mensch mit einer Mission
"Es trat ein Mensch auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes." Plötzlich wechselt Johannes Evangelist die Perspektive: Von der ewigen Herrlichkeit des Wortes wendet er sich einem konkreten Menschen zu. Johannes der Täufer erscheint auf der Bühne der Geschichte - nicht als Hauptdarsteller, sondern als Zeuge.
Seine Identität wird klar umrissen: Er ist ein Mensch (nicht Gott), er ist gesandt (seine Autorität kommt von Gott), und er hat einen Namen (er ist eine historische Person). In dieser nüchternen Beschreibung steckt eine wichtige theologische Aussage: Gottes ewiger Heilsplan vollzieht sich in der konkreten menschlichen Geschichte.
Berufen zum Zeugnis
"Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen." Johannes hatte eine klare, eindeutige Berufung: Er sollte Zeugnis ablegen für das Licht. Nicht mehr und nicht weniger.
Sein ganzes Leben, seine Predigt, seine Taufe, sogar sein Martyrium - alles diente diesem einen Zweck: Auf Christus hinzuweisen. Er war der Wegweiser, der auf die Hauptperson zeigt. Er war die Stimme, die dem Wort vorausgeht.
Die Demut des Zeugen
"Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht." Was für eine demütige und doch klare Selbstwahrnehmung! Johannes wusste genau, wer er war - und wer er nicht war. Er ließ sich nicht verführen, selbst zum Mittelpunkt zu werden.
In einer Zeit, in der Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung zu höchsten Werten erhoben werden, ist diese Haltung Johannes' eine provozierende Herausforderung. Er fand seine Erfüllung nicht darin, selbst im Rampenlicht zu stehen, sondern darin, auf das eine wahre Licht hinzuweisen.
Für uns heute:
Jeder Christ hat dieselbe Berufung wie Johannes der Täufer: Zeuge für das Licht zu sein. Wir sind nicht berufen, selbst das Licht zu sein - diese Rolle kommt allein Christus zu. Aber wir sind gerufen, in unserer Generation Zeugnis abzulegen für das Licht, das in Christus in die Welt gekommen ist.
Das geschieht nicht nur durch Worte, sondern durch unser ganzes Leben:
- Durch unsere Liebe, die ein Widerschein der Liebe Christi ist
- Durch unsere Hoffnung inmitten einer hoffnungslosen Welt
- Durch unsere Vergebungsbereitschaft in einer Kultur der Rache
- Durch unsere Dankbarkeit in einer Gesellschaft des Mangels
Wir sind die Johannesse unserer Zeit - berufen, Zeugen zu sein für das Licht, das jeden Menschen erleuchtet.
3. Das wahre Licht - Die universale Erlösung (Verse 9-10)
Das Licht für jeden Menschen
"Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt." Hier erreicht der Prolog einen weiteren Höhepunkt. Johannes beschreibt nicht irgendein Licht, sondern das wahre Licht. Im Gegensatz zu allen partikularen, begrenzten "Lichtern" der Philosophien, Religionen und Ideologien ist Christus das eine, unverfälschte, ewige Licht.
Und dieses Licht erleuchtet jeden Menschen. Was für eine umfassende, universale Aussage! Die Erlösung in Christus kennt keine nationalen, ethnischen oder sozialen Grenzen. Sie gilt dem Juden wie dem Griechen, dem Sklaven wie dem Freien, dem Mann wie der Frau. In Christus wird die partikulare Heilsgeschichte Israels zur universalen Heilsbotschaft für die ganze Menschheit.
Die Tragödie der Verkennung
"Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht." Hier schwingt eine tiefe Tragik mit: Der Schöpfer kommt in seine Schöpfung, aber die Geschöpfe erkennen ihn nicht. Der Ursprung des Lebens tritt ins Leben ein, aber das Leben erkennt seinen Ursprung nicht.
Diese Verkennung ist mehr als bloße Unwissenheit. Im biblischen Sprachgebrauch bedeutet "erkennen" eine tiefe, persönliche, beziehungsstiftende Erkenntnis. Die Welt begegnet ihrem Schöpfer, aber sie geht nicht in Beziehung mit ihm. Sie sieht ihn, aber sie erkennt nicht, wer er wirklich ist.
Die Paradoxie der Menschwerdung
In diesen beiden Versen verdichtet sich das große Paradox der Menschwerdung Gottes: Der, durch den die Welt geworden ist, wird selbst Teil dieser Welt. Der Transzendente wird immanent, der Unsichtbare wird sichtbar, der Ewige tritt in die Zeit ein.
Und doch bleibt er der unerkannte Gott. Seine Herrlichkeit verbirgt sich in der Niedrigkeit des menschlichen Daseins. Seine Allmacht offenbart sich in der Ohnmacht des Kreuzes. Sein Leben schenkt sich im Tod.
Für uns heute:
Die Tragödie der Verkennung setzt sich bis heute fort. Auch in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft, in unseren Kirchen erkennen viele Menschen Christus nicht. Vielleicht kennen sie seinen Namen, aber sie kennen nicht seine Gegenwart. Vielleicht haben sie von ihm gehört, aber sie haben keine Beziehung zu ihm.
Wo erkennen auch wir Christus nicht?
- In den Armen und Ausgegrenzten, in denen Christus uns begegnet (Matthäus 25,40)
- In den unserfüllten Sehnsüchten unseres Herzens, die eigentlich Sehnsucht nach Gott sind
- In den Kreuzeserfahrungen unseres Lebens, in denen Gott uns besonders nahe ist
- In der Stille und Einsamkeit, wo Gott zu uns sprechen möchte
Unser Gebet könnte sein: "Herr, öffne mir die Augen, dass ich dich erkenne - in deinem Wort, in den Mitmenschen, in den Ereignissen meines Lebens und vor allem in der Stille meines Herzens."
Praktische Umsetzung: Vom Hören zum Handeln
Liebe Gemeinde, eine Predigt ist nicht dazu da, dass wir sie nur hören und dann zur Tagesordnung übergehen. Gottes Wort will unser Leben verändern. Deshalb möchte ich Ihnen drei konkrete Handlungsimpulse mit auf den Weg geben:
1. Tauchen Sie ein in das Licht
Nehmen Sie sich in den kommenden Tagen bewusst Zeit, um im Licht Christi zu leben. Das kann praktisch aussehen:
- Starten Sie jeden Morgen mit einem kurzen Gebet: "Herr Jesus, du bist das Licht der Welt. Leuchte du heute in meinem Leben."
- Lesen Sie täglich ein paar Verse aus dem Johannesevangelium und bitten Sie Gott, dass er Ihnen durch sein Wort Licht für Ihre konkreten Lebenssituationen schenkt.
- Hören Sie auf die leise Stimme des Heiligen Geistes, der Sie an das erinnern will, was Christus gesagt hat (Johannes 14,26).
2. Werden Sie Zeuge des Lichts
Wie Johannes der Täufer sind wir berufen, Zeugen des Lichts zu sein. Das bedeutet nicht, dass wir alle zu Straßenpredigern werden müssen. Aber wir können:
- Durch unsere Lebensfreude in einer freudlosen Welt Zeugnis ablegen
- Durch unsere Hoffnung in ausweglosen Situationen andere Menschen neugierig auf die Quelle dieser Hoffnung machen
- Durch ein ehrliches Wort der Ermutigung oder eine einfache Tat der Nächstenliebe das Licht Christi weiterreichen
- Durch unser Schweigen, wo andere lästern, und durch unser Reden, wo andere schweigen, Zeugnis ablegen
3. Erkennen Sie Christus in Ihrem Alltag
Bitten Sie Gott um die Gnade der Erkenntnis - dass Sie Christus erkennen in:
- Der Schönheit der Schöpfung
- Der Liebe von Menschen, die Ihnen nahestehen
- Der Vergebung, die Sie erfahren und weitergeben dürfen
- Der Gemeinschaft der Glaubenden
- Den Herausforderungen und sogar den Leiden Ihres Lebens
Führen Sie ein "Erkenntnis-Tagebuch", in dem Sie festhalten, wo und wie Sie Christus in der vergangenen Woche begegnet sind.
Zusammenfassung und hoffnungsvoller Zuspruch
Liebe Schwestern und Brüder, was haben wir heute gehört?
In Christus, dem ewigen Wort, ist das Leben selbst. Dieses Leben ist das Licht der Menschen - ein Licht, das in unsere Finsternis hineinscheint und das von keiner Macht dieser Welt ausgelöscht werden kann.
Wie Johannes der Täufer sind wir berufen, Zeugen dieses Lichts zu sein - nicht das Licht selbst, aber Wegweiser zum Licht.
Christus ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet - eine universale Heilsbotschaft für die ganze Menschheit.
Und doch bleibt die tragische Realität: Viele erkennen ihn nicht - damals wie heute.
Aber hier ist die hoffnungsvolle Zusage: Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen. Keine Sünde, kein Zweifel, keine Verzweiflung, kein Leid ist mächtig genug, das Licht Christi auszulöschen.
Möge Gott uns die Augen öffnen, dass wir das Licht Christi immer mehr erkennen - in seinem Wort, in den Mitmenschen, in den Ereignissen unseres Lebens und in der Stille unserer Herzen.
Und möge er uns zu Zeugen dieses Lichts machen - nicht durch große Worte oder spektakuläre Taten, sondern durch ein Leben, das von seiner Liebe durchdrungen und von seiner Hoffnung erfüllt ist.
Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.