9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal
Jesus fällt zum dritten Mal – Die göttliche Schwachheit, die unsere Welt verwandelt. Nun liegt er wieder am Boden. Zum dritten Mal. Sein Körper, ein einziges Wundmal, gezeichnet von der Geißelung, zerschunden vom Sturz auf das Pflaster, ausgemergelt von Blutverlust und Qual. Das Kreuz lastet auf ihm wie das Gewicht aller Sünden der Menschheit. Und doch – gerade in diesem dritten, tiefsten Sturz enthüllt sich das ganze Geheimnis der göttlichen Liebe: Christus steigt hinab in die tiefsten Abgründe menschlicher Schwachheit, um jeden noch so tief Gefallenen zu erreichen.
Die Schrift schweigt über diese Stürze, doch der Hebräerbrief fasst ihr Geheimnis zusammen: "Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat" (Hebräer 4,15). In diesem dritten Sturz wird Christus solidarisch mit allen, die sich als endgültig Gescheiterte fühlen – mit den dreimal Gefallenen, den chronisch Schwachen, den lebenslang Kämpfenden.
Was sagt uns dieser dritte Sturz für unseren Glauben? Eine Wahrheit, die alle menschliche Logik sprengt: Gerade in der äußersten Schwachheit offenbart sich Gottes Kraft am mächtigsten. Nicht der triumphierende Christus auf dem Ölberg, nicht der Wunder wirkende Rabbi aus Galiläa, sondern der im Staub Liegende, der sich nicht mehr erheben kann – er ist das vollkommene Abbild des liebenden Gottes. Paulus verstand dieses Paradox: "Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark" (2 Korinther 12,10). Die Kirche wird nicht von den Makellosen gebaut, sondern von den immer wieder Aufstehenden.
Für unser heutiges Leben wird diese Station zur rettenden Wahrheit in einer Welt des gnadenlosen Leistungsdrucks:
Dem Manager, der nach dem dritten Burn-out verzweifelt – Christus liegt mit dir im Staub. Der Suchtkranken, die nach dem zwanzigsten Entzug wieder fiel – Christus versteht deine Ohnmacht. Der Ehe, die trotz aller Bemühungen zerbricht – Christus kennt das Scheitern. Dem Priester, der nach dem hundertsten Versuch nicht heiliger wird – Christus ist dein Bruder im Kampf.
Doch dieser dritte Sturz ist kein Aufruf zur Resignation, sondern eine Einladung zur radikalen Demut: Erst wenn wir unsere völlige Ohnmacht anerkennen, kann Gottes Gnade ungehindert wirken. Die Heiligen wussten es – je mehr sie sich als Sünder erkannten, desto mehr Raum gaben sie Gottes Barmherzigkeit.
Lassen Sie uns in dieser tiefsten Station des Scheiterns innehalten und beten:
"Mein Jesus, im Staub liegend,
von aller Kraft verlassen,
von aller Würde entblößt:
Ich bete dich an
gerade in dieser deiner tiefsten Erniedrigung.
Denn hier, im dritten Fall,
hast du meine letzte Verlassenheit geheiligt.
Lehre mich die Demut,
mein Scheitern anzunehmen.
Die Geduld,
immer wieder zu beginnen.
Den Glauben,
dass deine Kraft
in meiner Schwachheit mächtig wird.
Lass mich verstehen:
Meine Niederlagen
sind nicht das Ende,
sondern der Anfang
deines Wirkens in mir.
Denn du lebst und herrschst in Ewigkeit.
Amen."
Möge diese neunte Station uns verwandeln – von stolzen Selbstgerechten zu demütigen Bettlern vor Gott. Denn wer mit Christus bis in den tiefsten Staub hinabsteigt, der wird mit ihm auch zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen. Nicht durch eigene Kraft, sondern durch die Macht dessen, der uns liebt – bis zum äußersten.