10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt
Jesus wird seiner Kleider beraubt – Die nackte Wahrheit der göttlichen Liebe. Hier, auf dem kahlen Hügel Golgota, geschieht eine der erschütterndsten Demütigungen der Heilsgeschichte. Die Soldaten reißen Jesus seine Kleider vom Leib – nicht nur um ihn zu quälen, sondern um ihn bis ins Letzte zu entblößen vor den Blicken der gaffenden Menge. Der Schöpfer des Universums steht nackt da, ausgeliefert, seiner letzten irdischen Würde beraubt. Die Schrift berichtet mit schneidender Nüchternheit: "Die Soldaten nahmen seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil. Auch das Untergewand nahmen sie. Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben" (Johannes 19,23).
In diesem brutalen Akt der Entblößung enthüllt sich eine ungeahnte theologische Tiefe: Der Gottessohn wird seiner letzten menschlichen Schutzschicht beraubt, damit wir verstehen – Gottes Liebe kennt keine Verhüllungen, keine Masken, keine Kompromisse. Er gibt sich ganz, bis zur letzten Blöße. Der Psalmist hatte es vorausgeahnt: "Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand" (Psalm 22,19) – hier erfüllt sich das Wort in erschreckender Direktheit.
Was sagt uns diese entwürdigende Szene für unseren Glauben? Eine Wahrheit, die uns bis ins Mark erschüttern muss: Christus nimmt nicht nur den Tod auf sich, sondern zuvor die totale Entblößung. Er, der die Sterne kleidet (Psalm 104,2), steht nackt da – damit wir begreifen: Vor Gott können wir uns nie verstecken. All unsere frommen Verhüllungen, unsere moralischen Fassaden, unsere spirituellen Masken – sie werden am Kreuz zerissen. Nur wer sich nackt vor Gott stellt, kann wahrhaft bekleidet werden mit dem Gewand der Erlösung.
Für unser heutiges Leben wird diese Station zur gewaltigen Herausforderung:
In einer Welt der sozialen Masken und digitalen Fassaden ruft uns der nackte Christus zur radikalen Ehrlichkeit. Wie viele "geistliche Kleider" tragen wir vor anderen – während unser inneres Gewand zerrissen ist? Wie oft spielen wir den Frommen – während unser Herz in Wahrheit weit von Gott entfernt ist?
Doch diese Station ist auch unermesslicher Trost: Christus kennt unsere nackte Wahrheit – und liebt uns gerade so. Er, der am Kreuz jede Scham überwand, befreit uns von der Tyrannei des Scheins. In einer Gesellschaft, die Perfektion verlangt, dürfen wir vor Gott nackt dastehen – mit all unseren Wunden, Schwächen, hässlichen Wahrheiten.
Lassen Sie uns in dieser Station der entwürdigenden Wahrheit innehalten:
"Herr Jesus,
der du dich für uns entblößen ließest,
aller Würde beraubt,
aller Schönheit entkleidet:
Reiß von uns die falschen Gewänder,
mit denen wir uns vor dir verstecken.
Zerbrich unsere frommen Masken,
die wir vor der Welt tragen.
Lass uns nackt vor dir stehen –
nur so können wir wahrhaft bekleidet werden
mit dem Gewand deiner Gnade.
Lehre uns die Freiheit der Kinder Gottes,
die nichts zu verbergen brauchen.
Die Heiligkeit der Aufrichtigen,
die keine Doppelleben führen.
Die Freude der Erlösten,
die in ihrer Schwachheit stark sind –
weil du sie kleidest
mit dem Licht deiner Liebe.
Denn du lebst und herrschst in Ewigkeit.
Amen."
Möge diese zehnte Station uns verwandeln – von verängstigten Heuchlern zu freien Kindern Gottes, die nichts mehr zu verbergen brauchen. Denn wer sich nackt dem Kreuz nähert, der wird bekleidet werden mit dem herrlichen Gewand der Erlösung – nicht durch eigene Verdienste, sondern durch die grenzenlose Barmherzigkeit dessen, der sich für uns entblößte bis zum Letzten.