11. Station: Jesus wird ans Kreuz geschlagen
Die unendliche Liebe, die sich an das Holz der Welt nageln lässt.
Nun erreicht das Drama der Erlösung seinen schmerzhaften Höhepunkt. Auf dem kahlen Hügel Golgota, unter einem bleiernen Himmel, wird der Schöpfer des Lebens an das Holz des Kreuzes genagelt. Die Hammerschläge hallen dumpf durch die stickige Luft, Eisen durchbohrt Fleisch, Blut spritzt auf das grobe Holz. Der Evangelist Markus berichtet mit erschütternder Schlichtheit: "Und sie kreuzigten ihn" (Markus 15,24). Drei kurze Worte – die das Tor zwischen Zeit und Ewigkeit aufstoßen.
In diesem grausamen Akt vollzieht sich das größte Paradox der Geschichte: Der, der die Sterne in den Himmel hängte, lässt sich an Holz nageln. Der Unendliche wird begrenzt, der Allmächtige ohnmächtig, der Lebendige dem Tod übergeben. Der Prophet Sacharja hatte es vorausgesehen: "Auf den werden sie blicken, den sie durchbohrt haben" (Sacharja 12,10) – und jetzt erfüllt sich die Schrift vor unseren Augen.
Was sagt uns diese entsetzliche Szene für unseren Glauben? Eine Wahrheit, die unser Herz zerreißen und zugleich unendlich trösten muss: Gottes Liebe kennt keine Grenzen, keine Halbheiten, keine Kompromisse. Christus lässt sich nicht nur töten – er lässt sich festnageln. Er könnte jeden Moment herabsteigen – aber er bleibt. Er bleibt für die Spötter, für die Verräter, für die Feiglinge – er bleibt für dich und mich. Diese Nägel sind nicht nur Folterwerkzeuge – sie sind die unwiderruflichen Siegel einer Liebe, die sich nicht mehr losreißen lässt.
Für unser heutiges Leben wird diese Station zur alles verändernden Frage: Wofür lasse ich mich "festnageln"? Wofür bin ich bereit zu leiden? In einer Welt der kurzfristigen Bindungen und leichtfertigen Versprechen ruft uns der ans Kreuz geschlagene Christus zur Treue auf:
Der Ehe, die in Krisen gerät – bleibt! Dem Priestertum, das schwer wird – bleibt! Der Berufung, die Opfer fordert – bleibt! Christus zeigt uns: Wahre Liebe ist kein flüchtiges Gefühl – sie ist eine Entscheidung, die Nägel braucht, um zu halten, wenn der Sturm tobt.
Doch diese Station ist auch tiefster Trost: Deine Schmerzen, deine Ängste, deine Einsamkeit – sie sind nicht sinnlos. Christus hat sie an sein Kreuz genagelt und damit verwandelt. Jeder deiner Schmerzschreie ist in seinen eingeschlossen, jede deiner Tränen in den seinigen aufgehoben.
Lassen Sie uns in dieser zentralen Station des Heils innehalten:
"Mein gekreuzigter Jesus,
an das Holz der Welt genagelt,
mit Nägeln der Liebe festgehalten:
Ich bete dich an
in dieser deiner tiefsten Erniedrigung.
Denn hier, am Kreuz geschlagen,
hast du mein Leben an deines geheftet.
Lehre mich die Treue,
die hält, wenn alles dagegen spricht.
Die Liebe,
die sich bindet, wenn andere fliehen.
Den Mut,
die Nägel des Alltags anzunehmen –
im Wissen, dass jeder Schmerz,
der mit dir geteilt wird,
zum Tor der Herrlichkeit wird.
Lass mich verstehen:
Deine Wunden
sind der Preis meiner Freiheit.
Deine Nägel
die Schlüssel zu meinem Heil.
Denn du lebst und herrschst in Ewigkeit.
Amen."
Möge diese elfte Station uns verwandeln – von flatterhaften Zeitgenossen zu standhaften Jüngern der Kreuzesliebe. Denn wer sich mit Christus ans Kreuz nageln lässt – in der Treue zum Eheversprechen, im Ausharren der Berufung, im Ertragen des Leides – der wird mit ihm auch die Herrlichkeit der Auferstehung schauen. Nicht weil der Schmerz an sich gut wäre – sondern weil die Liebe, die ihn erträgt, göttlich ist.