12. Station: Jesus stirbt am Kreuz
Der Augenblick, als die Zeit stillstand. Die Welt hält den Atem an. Die Sonne verfinsterte sich bereits um die sechste Stunde – nun bricht die neunte Stunde herein, die Stunde der vollendeten Liebe. Der gekreuzigte Gottessohn, dessen Körper ein einziges Wundmal ist, dessen Lippen von Durst gerissen sind, dessen Lungen nach Luft ringen, sammelt seine letzten Kräfte. Ein Schrei zerreißt die gespenstische Stille: "Es ist vollbracht!" (Johannes 19,30). Dann, mit einer Stimme, die bis in die fernsten Winkel der Schöpfung dringt: "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist" (Lukas 23,46). Und mit diesen Worten neigt er das Haupt und gibt den Geist auf.
In diesem erschütternden Moment zerbricht etwas im Universum. Der Evangelist Matthäus berichtet: "Und siehe, der Vorhang im Tempel riss von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich" (Matthäus 27,51). Die Schöpfung selbst bezeugt: Hier stirbt nicht einfach ein Mensch – hier gibt der Schöpfer des Lebens sich selbst hin. Der Tod des Gottessohnes reißt den Vorhang zwischen Gott und Mensch für immer entzwei – von oben nach unten, als Zeichen, dass dies Gottes Werk ist, nicht menschliches.
Was sagt uns dieser Tod für unseren Glauben? Eine Wahrheit, die alle menschliche Weisheit übersteigt: Gottes Liebe ist stärker als der Tod. Nicht weil der Tod unwichtig wäre – im Gegenteil: Christus durchleidet ihn in seiner ganzen Grausamkeit. Sondern weil diese Liebe bereit ist, selbst den Tod auf sich zu nehmen, um ihn von innen her zu besiegen. Der Kreuzestod ist kein tragisches Ende – er ist der göttliche Sieg, der sich als äußerste Niederlage tarnt. Wie der heilige Johannes Chrysostomus sagt: "Christus ist am Kreuz gestorben – und der Tod ist am Kreuz gestorben."
Für unser heutiges Leben wird diese Station zur alles verändernden Frage: Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, in der Gott selbst den Tod durchlitten hat?
Für die Sterbenden: Euer Tod ist nicht mehr Fluch – Christus hat ihn in ein Tor zum Leben verwandelt. Für die Trauernden: Eure Tränen sind nicht sinnlos – sie sind in den seinigen aufgehoben. Für die Verzweifelten: Eure Hoffnungslosigkeit ist nicht endgültig – denn der, der "Es ist vollbracht!" rief, hat damit auch eure Erlösung gemeint.
Doch dieser Tod ist auch dringlicher Aufruf: Wenn Gott selbst den Tod nicht scheute – wie können wir dann vor unseren kleinen Kreuzen fliehen? Wenn der Herr sein Leben gab – wie können wir unseres ängstlich horten? Wenn die Liebe bis zum Äußersten ging – wie können wir in Halbherzigkeit leben?
Lassen Sie uns in dieser heiligsten aller Stunden innehalten:
"Mein sterbender Jesus,
dessen letzter Atemzug
der erste Hauch meiner Freiheit wurde:
Ich bete dich an
in dieser Stunde deines Todes.
Denn hier, am Kreuz verröchelnd,
hast du mein Sterben in deines verwandelt.
Lehre mich die Kunst des Loslassens,
die dich in die Hände des Vaters sinken ließ.
Die Weisheit des Sterbens,
die im Ende den Anfang erkennt.
Den Mut der Liebe,
die alles gibt – sogar das Leben –
im Vertrauen auf den Vater.
Lass mich verstehen:
Jedes "Es ist vorbei"
kann in deinem "Es ist vollbracht!"
neu klingen.
Jeder Abschied
ist in deinem Sterben
schon Auferstehung.
Denn du lebst und herrschst in Ewigkeit.
Amen."
Möge diese zwölfte Station uns verwandeln – von Sklaven der Todesfurcht zu freien Kindern Gottes, die wissen: Unser Sterben ist nur ein Durchgang, kein Ende. Denn der, der am Kreuz starb, stand auch wieder auf – als Erstling aller Entschlafenen. Und wer mit Christus stirbt, wird mit ihm leben – heute, morgen und in Ewigkeit.