5. Station: Ein Fremder zum Zeugen der Erlösung
5. Station: Als ein Fremder zum Zeugen der Erlösung wurde
In dieser fünften Station des Kreuzweges vollzieht sich ein dramatischer Wendepunkt, der uns zutiefst berühren muss. Stellen wir uns die Szene vor: Die staubige Straße Jerusalems, das Geschrei der Soldaten, die neugierigen Blicke der Menge - und mitten im Getümmel ein Mann, der alles andere als ein Freiwilliger ist. Simon von Cyrene, der gerade von der Feldarbeit kommt, wird brutal aus seinem Alltag gerissen. Die römischen Soldaten packen ihn, zwingen ihn, dieses blutgetränkte Kreuz zu tragen. Was in diesem Moment wie brutale Willkür erscheint, entpuppt sich als einer der bewegendsten Augenblicke der Heilsgeschichte.
Die Schrift berichtet mit knappen Worten: "Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Kyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen" (Matthäus 27,32). Doch hinter dieser kurzen Notiz verbirgt sich eine Welt von Bedeutung. Simon, der Unbeteiligte, wird unversehens zum engsten Begleiter Jesu in dessen tiefster Erniedrigung. Sein Name wird für alle Ewigkeit im Evangelium verewigt - eine ewige Erinnerung daran, dass Gott oft die Unwahrscheinlichsten zu Zeugen seiner größten Taten macht.
Was bedeutet dies für unseren Glauben? Eine revolutionäre Wahrheit: Erlösung geschieht nie im isolierten Heldentum, sondern immer in Gemeinschaft. Christus, der wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch ist, lässt sich von einem einfachen Arbeiter helfen. Der Allmächtige wird ohnmächtig, damit wir verstehen: Auch wir sind gerufen, einander die Lasten zu tragen. "Einer trage des anderen Last", schreibt Paulus, "so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Galater 6,2).
Für unser heutiges Leben wird diese Station zur brennenden Frage: Wo bin ich Simon? Wo versage ich als Simon? In einer Welt, die sich hinter Smartphones und Hektik verschanzt, ruft uns diese Szene zur radikalen Aufmerksamkeit:
Da ist die alleinerziehende Mutter in unserer Nachbarschaft, die unter ihrer Last zusammenbricht - braucht sie nicht unseren Simon-Dienst? Der Flüchtling, der unsere Sprache nicht spricht - wartet er nicht auf unsere helfende Hand? Der Kollege, der sich mit Depressionen quält - sehnt er sich nicht nach einem Menschen, der sein Kreuz eine Strecke mitträgt?
Doch diese Station warnt uns auch vor einem Missverständnis: Simon wurde nicht gefragt, er wurde gezwungen. Wie oft wehren wir uns gegen die Kreuze, die Gott uns auflegt! Wie oft murren wir, wenn unser durchgeplanter Tag durch die Not eines anderen durchkreuzt wird! Dabei vergessen wir: Gerade in diesen unerwünschten Unterbrechungen können sich die größten Gnaden verbergen.
Die Überlieferung berichtet, dass Simon und seine ganze Familie durch diese Begegnung zum Glauben kamen. Was an jenem Tag wie ein Fluch erschien, wurde zum Segen für Generationen. Eine Wahrheit, die auch uns trösten soll: Kein Dienst an den Leidenden bleibt ohne Frucht, selbst wenn wir es nicht sehen.
Lassen Sie uns in dieser Station innehalten und beten:
"Herr Jesus,
der du den widerstrebenden Simon
zum Diener deiner Passion gemacht hast:
Durchbricht unsere Gleichgültigkeit!
Reißt uns heraus aus unserer Bequemlichkeit!
Öffnet unsere Augen für die,
die heute ihr Kreuz allein tragen müssen.
Gib uns die Demut, Hilfe anzunehmen,
wenn wir selbst unter der Last stöhnen.
Und schenke uns die Gnade,
in jedem Dienst an den Leidenden
dich selbst zu erkennen und zu lieben.
Denn du lebst und herrschst in Ewigkeit.
Amen."
Möge diese fünfte Station uns verwandeln - von unbeteiligten Zuschauern zu barmherzigen Simon-Gestalten unserer Zeit. Denn in jedem leidenden Menschen, dem wir helfen, begegnen wir Christus auf seinem Kreuzweg. Und wer das Kreuz eines Bruders trägt, der trägt - oft ohne es zu wissen - das Kreuz des Herrn selbst.