6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch – Die unsterbliche Kraft der kleinen Liebe.
Mitten im Tumult der Kreuzigung, zwischen den brutalen Befehlen der Soldaten und dem Johlen der Menge, geschieht ein Wunder der Zärtlichkeit: Veronika, eine Frau aus Jerusalem, wagt das Undenkbare. Sie durchbricht die Mauer der Gleichgültigkeit, tritt vor und reicht Jesus ein Tuch, damit er sich das Blut und den Schweiß vom Antlitz wischen kann. In diesem einfachen Akt der Barmherzigkeit offenbart sich die ganze Macht der mitfühlenden Liebe. Die Legende berichtet, dass sich das Antlitz Christi auf wundersame Weise in das Tuch prägte – ein ewiges Zeichen dafür, dass jede Geste der Liebe Gottes Angesicht in der Welt sichtbar macht.
Die Heilige Schrift erwähnt diese Begebenheit nicht ausdrücklich, doch das prophetische Wort erklingt: "Das Antlitz des Herrn suchte ich; verhülle dein Angesicht nicht vor mir" (Psalm 27,8-9). In Veronikas Tat erfüllt sich diese Sehnsucht – sie sucht das Antlitz Gottes im entstellten Gesicht des leidenden Christus und findet es. Jesus selbst hatte verkündet: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Matthäus 25,40) – hier wird dieses Wort lebendige Wirklichkeit.
Was lehrt uns diese Station für unseren Glauben? Eine ewige Wahrheit: Nicht die großen Heldentaten formen das Reich Gottes, sondern die stillen Gesten der Liebe. Während die Welt nach spektakulären Taten giert, siegt das Himmelreich durch das schlichte Tuch einer Frau. Veronika wird zur Urbild aller Christen – berufen, das Antlitz Christi in den gezeichneten Gesichtern der Leidenden zu erkennen und zu ehren. Ihr Name – "vera icon", das wahre Bild – wird zum Programm: Wer den Gekreuzigten liebt, findet Gottes wahres Angesicht nicht in Glanz und Gloria, sondern in den Zügen der Schmerzverzerrten.
Für unser heutiges Leben wird diese Station zur brennenden Frage: Wo sind die Veronikas unserer Zeit? In einer Welt der digitalen Oberflächlichkeit und sozialen Kälte ruft uns diese Szene:
Da ist der Obdachlose vor der Kirchentür – wartet er nicht auf unseren Blick der Anerkennung? Die einsame Nachbarin – sehnt sie sich nicht nach einem Lächeln? Der todkranke Patient – dürstet er nicht nach einer Geste der Zuwendung? Veronika lehrt uns: Es braucht keine großen Worte, keine heldenhaften Taten – ein einfaches "Ich sehe dich" kann das Antlitz Gottes in der Welt neu sichtbar machen.
Doch diese Station warnt uns auch: Veronikas Tat war gefährlich. Sie riskierte Spott, vielleicht sogar Verhaftung. Echte Barmherzigkeit kostet immer etwas – Zeit, Komfort, manchmal sogar den guten Ruf. Doch wer wie Veronika handelt, wird belohnt – nicht mit irdischem Ruhm, sondern mit dem unauslöschlichen Abbild Christi im Herzen.
Lassen Sie uns in dieser Station innehalten und beten:
"Herr Jesus,
dessen göttliches Antlitz
sich in das Tuch der Veronika prägte:
Öffne unsere Augen für dein Angesicht
in den Zügen aller Leidenden.
Breche unseren Widerstand,
wenn uns Mitgefühl unbequem wird.
Schenke uns den Mut der kleinen Liebe,
die still wirkt und doch die Welt verwandelt.
Lass uns erkennen:
Jedesmal wenn wir einem Bruder,
einer Schwester dienen,
prägst du dein Antlitz
neu in die Geschichte der Welt.
Denn du lebst und herrschst in Ewigkeit.
Amen."
Diese sechste Station möge uns in barmherzige Veronikas verwandeln, anstatt distanzierte Beobachter zu bleiben.