4. Station: Jesus begenet seiner Mutter
Vierte Station des Kreuzweges: Jesus begegnet seiner Mutter – Die Sprache des schmerzerfüllten Liebens
In dieser ergreifenden vierten Station enthüllt sich eines der tiefsten Geheimnisse der Menschwerdung Gottes: Der Sohn begegnet seiner Mutter auf dem Weg nach Golgota. Was müssen ihre Augen einander gesagt haben? Welche unausgesprochenen Schmerzen haben ihre Blicke getauscht? Maria, die einst das göttliche Kind in Windeln gewickelt in der Krippe betrachtete, sieht nun den Mann, ihren Sohn, blutüberströmt und von der Last des Kreuzes gebeugt. Der Evangelist Johannes, der dieser Szene beiwohnte, überliefert uns die prophetischen Worte des greisen Simeon: "Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen" (Lukas 2,35) – hier erfüllt sich diese Weissagung in erschütternder Vollkommenheit.
Die Schrift berührt uns mit ihrer schlichten Tiefe: "Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala" (Johannes 19,25). In diesem kurzen Vers offenbart sich die ganze Tragik und Herrlichkeit der Mutterschaft Mariens – sie steht. Während die Jünger flohen, steht sie. Als die Hoffnung zu schwinden scheint, steht sie. In dieser Haltung des standhaften Stehens wird Maria zur Urbild der Kirche, zur Mutter aller Glaubenden.
Was sagt uns diese schmerzvolle Begegnung für unseren Glauben? Hier enthüllt sich das Geheimnis wahrer Jüngerschaft: Nicht nur den triumphierenden Christus zu lieben, sondern den leidenden. Nicht nur dem Auferstandenen zuzujubeln, sondern mit dem Gekreuzigten zu stehen. Maria lehrt uns die Kunst des compassio – des Mitleidens, das nicht ohnmächtig zuschaut, sondern in schweigender Treue präsent bleibt. Ihr Schmerz wird zum Opfer, das sie mit dem ihres Sohnes vereint.
Für unser heutiges Leben wird diese Station zur Schule der Liebe in einer oberflächlichen Welt. Wie viele Menschen leiden heute im Verborgenen? Wie viele Mütter weinen um ihre Kinder – verloren in Drogen, Depression oder Sinnlosigkeit? Maria zeigt uns den Weg:
Sie lehrt uns das stille Stehen bei den Leidenden, ohne billige Trostworte. Sie zeigt uns die Kraft der schweigenden Liebe, die mehr vermag als tausend Reden. Sie offenbart die Würde des menschlichen Antlitzes – auch im entstellten Gesicht des Leidenden den geliebten Sohn Gottes zu erkennen.
In einer Zeit der schnellen Ablenkungen und oberflächlichen Beziehungen ruft uns diese Station zur wahren Präsenz: Sei da! Steh aus! Schau hin! In den Pflegeheimen, an den Krankenbetten, in den Flüchtlingsunterkünften – überall wartet Christus auf unsere liebende Gegenwart.
Lassen Sie uns in dieser Station innehalten und beten:
"Schmerzhafte Mutter,
die du den blutigen Weg deines Sohnes
mit jedem Schritt deines Herzens begleitet hast:
Lehre uns dein standhaftes Stehen
bei den Gekreuzigten unserer Zeit.
Schenke uns deine Augen,
die in jedem leidenden Antlitz
das Angesicht Christi erkennen.
Hilf uns, die Sprache der schweigenden Liebe zu lernen,
die mehr tröstet als alle Worte.
Nimm unsere kleinen Kreuze
und vereine sie mit dem deines Sohnes,
damit auch wir Auferstehung erfahren.
Durch Christus, unseren Herrn,
der mit dir lebt und liebt in Ewigkeit.
Amen."
Möge diese vierte Station uns verwandeln – von flüchtigen Betrachtern zu standhaften Begleitern aller, die heute ihr Kreuz tragen. Denn in jedem leidenden Menschen begegnet uns Christus aufs Neue – und wartet auf unsere liebende Antwort.