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1. Eine religiös philosophische Betrachtung

Symbolische Darstellung der Schöpfung – Gottes Wirken am Anfang der Zeit
Schöpfung – Ursprung und Ebenbild

Oh Mensch, wie hast du dich entfernt?

Eine religiös-philosophische Betrachtung über Gier, Überheblichkeit, Machbarkeitswahn und Triebentfesselung – vom Ebenbild Gottes bis zu den Kriegen unserer Zeit.

Die Frage, die dieser Betrachtung zugrunde liegt, ist keine akademische Spielerei. Sie ist ein Ruf, fast ein Klagegesang, wie ihn die Propheten des Alten Testaments anstimmten: „Höre, Himmel! Erde, vernimm! Denn der Herr redet: Kinder habe ich großgezogen und emporgebracht, sie aber sind von mir abgefallen“ (Jesaja 1,2). Heute, in einer Zeit epochaler Kriege, ökologischer Zerstörung und psychischer Verelendung, stellt sich diese Frage mit neuer Schärfe: Wie konnte der Mensch – ausgezeichnet mit Vernunft, Freiheit und der Würde des Ebenbildes Gottes – zu einem Wesen werden, das den Planeten ruiniert, seine eigenen Artgenossen massenhaft tötet und sich selbst in Trieben und Gier verliert?

Die Antwort ist vielschichtig. Sie liegt in einer langsamen, über Jahrtausende sich vollziehenden Verschiebung des menschlichen Selbstverständnisses: vom dankbaren Geschöpf zum raubenden Produzenten, vom Hirten der Schöpfung zum Ausbeuter ihrer Ressourcen, vom Beter zum Planer. Diese Betrachtung will die Stationen dieser Entfremdung nachzeichnen – theologiegeschichtlich, philosophisch und zeitdiagnostisch. Sie endet nicht in der Verzweiflung, aber sie scheut auch nicht den Blick in den Abgrund.

I.

Das schöpfungstheologische Fundament: Ebenbild als Berufung

1.1 Der urbane Mythos von Genesis 1

Die Priesterschrift der Genesis entwirft ein kosmisches Theater. In sechs Tagen formt Gott das Chaos zur Ordnung: Licht und Finsternis, Wasser und Land, Pflanzen, Gestirne, Tiere. Und am sechsten Tag – als Höhepunkt, nicht als Produkt eines Zufalls – spricht Gott: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich“ (Gen 1,26). Dieser Plural („lasst uns“) hat die Ausleger seit jeher beschäftigt: Spricht Gott zu den Engeln? Oder deutet sich hier bereits die Trinität an? Entscheidend ist: Der Mensch ist nicht einfach ein Lebewesen unter anderen. Er ist Beziehungsfigur – Abbild einer Gemeinschaft.

Das hebräische Wort tselem bedeutet nicht nur äußere Gestalt, sondern auch Statue, Repräsentation. Ein König setzte sein Standbild in eroberten Gebieten auf, um seine Herrschaft zu symbolisieren. Der Mensch ist Gottes Standbild auf Erden. Seine Aufgabe: „Macht euch die Erde untertan“ (Gen 1,28) – nicht im Sinne von Zertrümmerung, sondern von Bewahrung und Kultivierung. Kabash (untertan machen) meint im Hebräischen eher ein Ordnen, ein In-die-Schranken-Weisen des chaotischen Restes.

1.2 Die patristische und mittelalterliche Auslegung

Die Kirchenväter (Irenäus von Lyon, Augustinus) betonten, dass das Ebenbild vor allem im Geist und im freien Willen liege. Irenäus unterschied zwischen „Bild“ (der natürlichen Gottähnlichkeit in Vernunft und Freiheit) und „Ähnlichkeit“ (der moralischen Angleichung an Gott durch Tugend). Der Sündenfall, so Irenäus, habe das Bild verdunkelt, aber nicht ausgelöscht. Thomas von Aquin systematisierte: Die imago Dei findet sich im Menschen aufgrund seiner geistigen Natur – Erkennen und Lieben. Diese Wahlfreiheit ist das höchste Geschenk – und die größte Gefahr. Denn der freie Wille kann sich gegen seinen eigenen Grund wenden.

1.3 Die Renaissance: Der Mensch als souveräner Selbstbildner

Pico della Mirandolas Oratio de hominis dignitate (1486) feierte den Menschen als das einzige Wesen, dem Gott keine feste Gestalt gegeben habe: „Weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich haben wir dich gemacht, damit du dich selbst wie ein freier und souverärer Bildhauer in die Gestalt formst, die du vorziehst.“ Das klingt befreiend. Es ist aber auch der Beginn einer problematischen Entwicklung: Der Mensch wird sich selbst zum Schöpfer. Das Ebenbild Gottes wird nun nicht mehr als empfangene Würde gesehen, sondern als selbst zu produzierende Leistung. Hier liegt die Wurzel der modernen Hybris.

II.

Die Gier: Ontologische Verkrümmung des Begehrens

2.1 Philosophische Anthropologie der Gier

Gier ist nicht gleichbedeutend mit Hunger oder Durst. Hunger hat ein natürliches Maß – nach der Sättigung hört er auf. Gier hingegen ist ein Begehren ohne Telos. Der Philosoph André Comte-Sponville definierte Gier als „Begierde, die ihre eigene Befriedigung nicht kennt, weil sie nichts anderes kennt als sich selbst“. Schon Platon beschrieb im Gorgias den Tyrannen, dessen Begierde wie ein Faß mit löchrigem Boden ist – nie zu füllen. Aristoteles sah die pleonexia (das Habenwollen-mehr-als-einem-zusteht) als Wurzel aller ungerechten Handlungen.

2.2 Der Kapitalismus als System der institutionalisierten Gier

Die moderne Wirtschaftsordnung ist ohne die anthropologische Grundtatsache der Gier nicht zu verstehen. Adam Smith argumentierte noch, dass die „unsichtbare Hand“ des Marktes individuelle Habsucht in allgemeinen Wohlstand verwandeln könne. Im globalisierten Finanzkapitalismus jedoch ist die Gier nicht mehr eine moralische Schwäche Einzelner, sondern ein Systemimperativ. Wer nicht wächst, weicht zurück. Der belgische Ökonom Bernard Lietaer wies darauf hin, dass unser Geldsystem (mit Zins und Zinseszins) ein exponentielles Wachstum verlangt – auf einem endlichen Planeten. Die religiöse Philosophie sagt dagegen: Gier ist Götzendienst.

2.3 Die psychosozialen Folgen: Die leere Mitte

Erich Fromm beschrieb den „habenden Modus“ versus den „seienden Modus“. Im habenden Modus geht es darum, Dinge zu besitzen, zu kontrollieren, zu konsumieren. Die moderne Konsumkultur trainiert diesen Modus bis zur Meisterschaft. Die Folge: Depression, Burnout, Sucht. Der Mensch, der nur noch hat, ist selbst nichts mehr. Das Ebenbild Gottes aber ist kein Container, sondern eine Quelle. Es lebt aus der Hingabe, nicht aus dem Anhäufen.

III.

Überheblichkeit: „Alles ist machbar“ als technologischer Gotteskrieg

3.1 Von der Magie zur Technoscience

Der Turmbau zu Babel (Genesis 11) ist eine der frühesten Erzählungen menschlicher Hybris: „Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht“ (Gen 11,4). Was die Moderne hinzufügt, ist die Verbindung von Hybris mit systematischer Wissenschaft und Technik. Francis Bacon träumte von einer großen Wiederherstellung der menschlichen Herrschaft über die Natur. Descartes nannte den Menschen „maître et possesseur de la nature“ (Herr und Eigentümer der Natur). Das Eigentumsmodell ist entscheidend: Die Natur ist kein Gegenüber, kein Du, sondern eine Sache.

3.2 Die nukleare und die digitale Prometheusschwelle

Zwei technologische Schwellen des 20. Jahrhunderts zeigen die Machbarkeitshybris in Reinform: die Kernenergie und die Gentechnik. Robert Oppenheimer, Vater der Atombombe, zitierte nach dem ersten Test die indische Bhagavad Gita: „Ich bin der Tod, der Zerstörer der Welten.“ Der Mensch hat sich eine Macht angeeignet, die traditionell nur dem Göttlichen vorbehalten war. Die Gentechnik geht noch einen Schritt weiter: Sie verändert die biologische Grundlage des Lebens selbst. Die Künstliche Intelligenz der Gegenwart ist die nächste Schwelle: Algorithmen entscheiden über Kredite, Strafmaße, Lebenspartner – der Mensch delegiert seine Urteilskraft an Maschinen.

3.3 Die ökologische Gegenhybris: Klimawandel als Boomerang

Die krasseste Widerlegung des „Alles ist machbar“-Denkens ist die Klimakrise. Wir können den Planeten ruinieren, aber wir können ihn nicht einfach reparieren. Hans Jonas hat in Das Prinzip Verantwortung (1979) gezeigt, dass die traditionelle Ethik nicht mehr ausreicht. Wir brauchen eine „Heuristik der Furcht“. Doch die Überheblichkeit ignoriert die Fernwirkungen unseres Handelns und sagt: „Wir werden schon irgendwie technisch lösen, was wir technisch angerichtet haben.“ Das ist der Größenwahn des Prometheus.

IV.

Die Triebe: Entgrenzung statt Einbindung

4.1 Die ambivalente Natur der Triebe

Das christliche Menschenbild wurde lange missverstanden als leibfeindlich. Die Bibel sagt: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31). Das schließt Sexualität, Lust, Bindung ein. Problematisch wird der Trieb erst, wenn er sich verselbständigt, wenn er nicht mehr in die Gesamtordnung der Person integriert ist.

4.2 Die moderne Triebbefreiung und ihre Dialektik

Die sexuelle Revolution war ein notwendiger Schritt gegen eine repressive Moral. Doch die Dialektik der Befreiung zeigt sich darin, dass die Triebe heute nicht nur befreit, sondern entfesselt sind. Die Pornografieindustrie ist ein Milliardengeschäft, Dating-Apps reduzieren Menschen auf austauschbare Profile. Byung-Chul Han spricht von der Agonie des Eros in der Leistungsgesellschaft: Der Eros werde ersetzt durch den Porno – die nackte, aber beziehungslose Präsentation von Körpern. Das ist der Gipfel der Triebentfesselung ohne Bindung.

4.3 Aggression und Destruktivität: Der triebhafte Krieg

Freud postulierte einen Todestrieb (Thanatos), der gegen den Lebenstrieb (Eros) steht. Der Mensch ist nicht nur Liebe, sondern auch Hass. Die moderne Kriegsführung gibt diesen Trieben einen scheinbar rationalen Anzug. Drohnenpiloten, die per Joystick in Afghanistan töten, erleben Tötung als Videospiel. Das Ebenbild Gottes ist im Schützengraben und am Bildschirm nicht zu erkennen.

V.

Die Kriege unserer Zeit: Apokalypse in Echtzeit

5.1 Der Erste Weltkrieg: Die Maschine frisst ihre Kinder

Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts war der Erste Weltkrieg. Maschinengewehre, Giftgas, U-Boote – all diese Technologien waren Ausdruck der Machbarkeitshybris. Die Gier nach Territorium und die Überheblichkeit der europäischen Nationalismen rissen eine ganze Zivilisation in den Abgrund. Der Soldat wird zum Teil einer Maschine. Das Ebenbild Gottes verschwindet im Material.

5.2 Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust: Systematische Vernichtung

Auschwitz, Treblinka – die industrielle Menschenvernichtung. Hannah Arendt prägte das Wort von der Banalität des Bösen. Ein mittelmäßiger Bürokrat, der seine Arbeit macht, ohne zu fragen: Das ist die erschreckendste Form der Entfernung vom Ebenbild. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zeigten eine zweite Dimension: Der Mensch hat die Macht, ganze Städte in einer Sekunde auszulöschen. Apokalypse aus Menschenhand.

5.3 Die Gegenwartskriege: Ukraine, Gaza, Sudan

Der Ukraine-Krieg ist ein Drohnenkrieg – Tötung als Computerspiel. Der Gaza-Krieg zeigt den urbanen Guerillakrieg, Geiselnahme, kollektive Bestrafung. Die Gier nach Land, die religiöse Überheblichkeit (auf beiden Seiten: „Gott ist mit uns“), die entfesselten Triebe der Gewalt – all das ist ein Spiegel der menschlichen Abgründe. Der Sudan-Krieg zwischen rivalisierenden Generälen offenbart Ressourcenkonflikte, die die Weltöffentlichkeit kaltlassen. Das ist eine weitere Form der Entfremdung.

5.4 Die kommenden Kriege: Wasser, Klima, Migration

Die Klimakrise wird Migrationsbewegungen auslösen, die ganze Regionen destabilisieren. Krieg um Wasser, um fruchtbares Land – eine Gier, die aus Überlebensnot entsteht, die aber dennoch das Ebenbild verdunkelt. Die reichen Länder werden ihre Grenzen mit Waffen und Mauern schützen, die Armen werden sterben. Das ist keine göttliche Ordnung mehr. Das ist Hölle auf Erden.

VI.

Der Verlust des Ebenbildes – und die Möglichkeit der Wiederkehr

6.1 Was heißt es, das Ebenbild zu verlieren?

Die Theologie hat immer betont, dass das Ebenbild unzerstörbar ist, weil es ein Geschenk Gottes ist, keine Leistung. Aber es kann verdeckt, missbraucht, verraten werden. Wie ein Gemälde unter Schmutz. Der Verlust zeigt sich in der Unfähigkeit zur Reue, der Weigerung, den anderen als Du anzuerkennen, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Kreatur.

6.2 Die Möglichkeit der Umkehr (Metanoia)

Die metanoia – die vollständige Neuausrichtung des Herzens – ist jedem Menschen möglich, solange er lebt. Augustinus erlebte sie, als er die Bibel aufschlug und sein Leben änderte. Die Umkehr hat drei Schritte: Einsicht, Bekenntnis, Wandlung. Die Wiederkehr zum Ebenbild ist keine Rückkehr in eine Idylle, sondern eine neue Synthese: Technik in den Dienst des Lebens, Wirtschaft als Teilhabe, Triebe in Liebe und Freundschaft.

6.3 Eine neue Askese für das Anthropozän

Papst Franziskus fordert in Laudato si‘ eine „integrale Ökologie“ und eine „ökologische Bekehrung“. Eine neue Askese wäre: Weniger fliegen, weniger besitzen, aber nicht aus Moralmasochismus, sondern aus Freude – der Freude an der Einfachheit, am Teilen, an der Muße. Die Triebe würden nicht unterdrückt, sondern umgelenkt: von der Pornografie zur zärtlichen Liebe, von der Machtüberheblichkeit zur Dienstbereitschaft.

VII.

Schluss: Der Mensch als Frage an sich selbst

Die Betrachtung endet, wo sie begann: mit der Frage. Der Mensch ist das Wesen, das sich von seiner eigenen Bestimmung entfernen kann – und das sich dieser Entfernung bewusst werden kann. Das ist sein Fluch und seine Gnade. Die Kriege unserer Zeit, die Gier der Märkte, die Überheblichkeit der Technokraten, die entfesselten Triebe – all das ist nicht das letzte Wort. Das letzte Wort ist die unendliche Geduld Gottes, der ruft: „Wo bist du?“ (Gen 3,9) wie einst Adam im Garten. Der Mensch kann sich verstecken. Aber er kann auch antworten: „Hier bin ich.“

Die religiöse Philosophie hat keine Patentrezepte. Aber sie hat ein Wächteramt: Sie erinnert daran, dass wir mehr sind als unser Konsum, mehr als unsere Algorithmen, mehr als unsere Waffen. Wir sind Ebenbilder. Ob wir es bleiben oder werden, liegt in unserer Freiheit. Möge diese Freiheit weise genutzt werden – bevor die Geschichte endet, nicht mit einem Knall, sondern mit einem erstickten Weinen.


Soli Deo gloria – oder, in menschlicherer Sprache: Der Erde zuliebe, den Kindern zuliebe, dem Bild in uns zuliebe.