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Schoepfung & Mensch

Die Rede vom Menschen als Ebenbild Gottes verleiht ihm eine unantastbare Würde – doch die Geschichte widerlegt dieses Ideal täglich. Vom Brudermord Kains bis zu den Kriegen der Gegenwart klafft der Abgrund zwischen Schöpfungsauftrag und Zerstörungswut. Diese religiös-philosophische Betrachtung fragt: Wie konnte das gottähnliche Wesen zum Kriegstreiber werden? Eine Spurensuche zwischen Hoffnung und Abgrund.

Vorwort – Der Sündenfall als Archetyp der Selbsttäuschung
„Wo bist du?“ – Der Sündenfall als Archetyp der Selbsttäuschung
Eine anthropologische und philosophisch-theologische Untersuchung
Vorwort
(3–5 Seiten)
— Seite 1 —

Dieses Buch entstand aus einer einfachen, aber beunruhigenden Beobachtung: Menschen aller Zeiten, Kulturen und Religionen neigen dazu, ihr eigenes Versagen nicht beim Namen zu nennen. Wir sehen den Splitter im Auge des anderen, aber den Balken im eigenen bemerken wir nicht. Wir geben dem Partner die Schuld, den Umständen, der Erziehung, dem Stress, der Politik, dem Wetter – ja selbst Gott wird angeklagt. Aber das eine Wort, das die Seele befreien könnte, bleibt uns seltsam fremd: „Ich habe gesündigt.“ Oder noch einfacher: „Ich bin schuldig. Ich selbst. Nicht du. Nicht sie. Nicht die Schlange. Ich.“

Die vorliegende Untersuchung geht dieser tief in der menschlichen Natur verwurzelten Neigung nach. Sie tut dies nicht als trockene psychologische Studie, nicht als moralisierende Predigt und nicht als bloß historische Exegese. Sie tut dies als theologische Anthropologie – als Frage nach dem Menschen vor Gottes Angesicht. Denn erst im Licht dessen, der „die Wahrheit“ ist (Joh 14,6), wird das ganze Ausmaß unserer Selbsttäuschung sichtbar. Und erst dort wird auch der Weg aus ihr heraus erkennbar.

Der Ausgangspunkt ist die Urgeschichte der Menschheit: der dritte Vers des Buches Genesis. Es ist eine kurze Erzählung von großer Dichte. Ein Gebot wird übertreten. Eine Frucht wird gegessen. Die Augen öffnen sich – nicht zur Weisheit, sondern zur Scham. Und dann geschieht das Entscheidende: Gott geht im Garten um die Abendkühle und ruft: „Adam, wo bist du?“ (Gen 3,9).

Diese Frage ist der Schlüssel zum ganzen Buch. Sie ist keine Kontrollfrage eines allwissenden Richters, der längst weiß, wo der Sünder sich versteckt. Sie ist ein seelsorgerlicher Suchruf. Ein Ruf, der dem Menschen die Chance gibt, aus seinem Versteck hervorzutreten und zu sagen: „Hier bin ich. Ich habe mich gefürchtet. Ich habe genommen. Ich habe gegessen. Ich habe es getan.“ Doch was geschieht? Adam antwortet nicht mit Bekenntnis, sondern mit Ausrede. Er verweist auf die Frau. Die Frau verweist auf die Schlange. Und die Schlange – so scheint es – hat niemanden, auf den sie verweisen kann, denn sie ist ja schon das letzte Glied der Kette. So entsteht jene merkwürdige Struktur, die dieses Buch als „Projektionskette“ bezeichnen wird: Jeder schiebt die Schuld auf den anderen, und keiner steht zu sich selbst.

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— Seite 2 —

Was hier auf den ersten Blick wie eine kindliche Geschichte von Garten, Baum und sprechender Schlange erscheint, enthüllt bei näherem Hinsehen die grundlegende Verfasstheit des sündigen Menschen. Die Theologie hat über Jahrhunderte hinweg den Akt des Ungehorsams selbst als das Wesen der Sünde betrachtet: Das Essen der verbotenen Frucht, die Übertretung des göttlichen Gebots. Doch die Erzählung selbst legt ein anderes Gewicht nahe. Der Ungehorsam ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Die eigentliche Katastrophe vollzieht sich in dem, was auf den Ungehorsam folgt: die Weigerung, die Tat einzugestehen. Der Mensch könnte nach dem Fall noch gerettet werden – durch ein einziges Wort des Bekenntnisses. Aber er spricht es nicht. Stattdessen verstrickt er sich in ein Netz von Lügen, Halbwahrheiten und Schuldzuweisungen, das ihn immer tiefer in die Versteckung treibt.

Diese Einsicht ist nicht neu. Die Kirchenväter haben sie gekannt. Augustinus spricht vom superbia (Hochmut) als der Wurzel aller Sünde – und der Hochmut zeigt sich nirgends deutlicher als in der Unfähigkeit, Fehler einzugestehen. Die Reformatoren haben sie gekannt. Luthers Entdeckung der theologia crucis (Theologie des Kreuzes) besteht ja gerade darin, dass der Mensch seine Gerechtigkeit nicht in sich selbst sucht, sondern sie allein von außen, von Christus her, empfängt. Wer aber meint, er brauche kein Bekenntnis, der sucht seine Gerechtigkeit noch bei sich selbst. Und die moderne Psychologie hat sie gekannt. Freud sprach von Abwehrmechanismen, Carl Rogers von der Inkongruenz zwischen Selbstbild und tatsächlicher Erfahrung, die psychische Krankheit erzeugt.

Was dieses Buch dennoch zu schreiben versucht, ist eine Zusammenschau: Es verbindet die biblische Erzählung mit den Einsichten der philosophischen Existenzanalyse (Sartre, Heidegger, Ricœur) und stellt beides in den Horizont der christlichen Dogmatik. Es fragt nicht nur: Was tut der Mensch, wenn er sich täuscht? Sondern: Warum tut er es? Und vor allem: Wie kommt er wieder heraus?

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— Seite 3 —

Eine Vorbemerkung zur Methode sei dem Leser mitgegeben. Dieses Buch bewegt sich an der Grenze zwischen Exegese, Systematischer Theologie und Philosophie. Es beansprucht nicht, in jedem dieser Felder erschöpfend zu sein. Es beansprucht vielmehr, einen Dialog zu eröffnen, der in der akademischen Theologie oft zu kurz kommt: den Dialog zwischen der biblischen Überlieferung und den existentiellen Erfahrungen des modernen Menschen, der sich – trotz aller Säkularisierung – immer noch vor demselben versteckt wie Adam hinter den Bäumen des Gartens.

Die philosophischen Autoren, die herangezogen werden (insbesondere Sartre, Heidegger und Ricœur), sind keine christlichen Denker. Sartre war erklärter Atheist. Heidegger hat sich vom Christentum gelöst. Und doch – so die These dieses Buches – beschreiben sie das Phänomen der Selbsttäuschung mit einer Schärfe, die der Theologie helfen kann, ihren eigenen Gegenstand besser zu verstehen. Denn die Theologie hat oft den Fehler gemacht, die Sünde zu dogmatisch, zu lehrhaft zu behandeln, ohne die psychologische und existentielle Tiefe dieses Phänomens auszuloten. Die Philosophie kann hier eine Dienerin sein – so wie einst die griechische Philosophie der patristischen Theologie half, die biblischen Begriffe zu durchdenken.

Dennoch bleibt der entscheidende Unterschied: Die Philosophie kann die Krankheit beschreiben, aber nicht die Heilung geben. Sartre endet in der Verzweiflung, weil der Mensch seiner Ansicht nach keine Entschuldigung und keine Hoffnung hat. Heidegger endet in einer heroischen Gelassenheit, die letztlich leer bleibt. Ricœur, der dem Christentum am nächsten steht, öffnet immerhin die Tür zur biblischen Hermeneutik. Aber erst das Evangelium selbst spricht das befreiende Wort: „Deine Sünden sind dir vergeben“ (Mk 2,5). Dieses Wort steht jenseits aller Philosophie. Es ist nicht ableitbar aus menschlicher Vernunft. Es ist reine Gabe. Und doch ist es die einzige Antwort auf die Not, die dieses Buch beschreibt.

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— Seite 4 —

Ein Wort zur Zielrichtung. Dieses Buch ist nicht nur für Theologen geschrieben, sondern für alle, die sich ernsthaft mit der Frage nach dem Menschen beschäftigen. Es setzt keine speziellen Kenntnisse voraus, wohl aber die Bereitschaft, sich auf eine unangenehme Wahrheit einzulassen: dass wir alle Meister der Selbsttäuschung sind. Der Leser wird im Laufe der Lektüre immer wieder sich selbst begegnen. Das ist beabsichtigt. Denn Theologie, die nicht das Herz trifft, ist nutzlose Spekulation. Die Kirchenväter sagten: Lex orandi, lex credendi – die Regel des Betens ist die Regel des Glaubens. Man könnte ergänzen: Die Regel des Bekennens ist die Regel der Wahrheit. Wer nicht gelernt hat, zu sagen „Ich habe gesündigt“, der hat die Wahrheit über sich selbst noch nicht gefunden.

Das Buch ist in acht Hauptkapitel gegliedert, die von der biblischen Analyse (Kapitel 1 und 2) über die philosophische Vertiefung (Kapitel 3 und 4) zur dogmatischen Revision (Kapitel 5 und 6) und schließlich zur christologischen Lösung (Kapitel 7) sowie zur praktischen Anwendung (Schlusskapitel) führen. Der Leser wird gebeten, diese Reihenfolge einzuhalten, denn die Argumentation baut systematisch aufeinander auf. Dennoch kann jedes Kapitel auch für sich allein gelesen werden, sofern man bereit ist, gelegentlich auf frühere Begriffe zurückverwiesen zu werden.

Die Bibelzitate folgen, wo nicht anders vermerkt, der Lutherbibel 2017 (revidierte Fassung). Gelegentlich wird zum Vergleich die Einheitsübersetzung oder der griechische bzw. hebräische Grundtext herangezogen – dies wird dann kenntlich gemacht. Die philosophischen Zitate werden in der gängigen deutschen Übersetzung wiedergegeben, mit Seitenverweisen auf die Originalausgaben im Anhang.

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— Seite 5 —

Ein letztes Wort vor dem Beginn. Dieses Buch wäre nicht geschrieben worden ohne die Erfahrung seelsorgerlicher Gespräche, in denen ich immer wieder staunen durfte über die heilende Kraft des einfachen Bekenntnisses: „Ja, ich bin es. Ich habe es getan. Verzeih mir.“ Menschen, die jahrelang unter der Last ihrer Selbsttäuschungen gelitten hatten, wurden frei, als sie endlich den Mut fanden, die Wahrheit zu sagen – nicht vor der Welt, sondern vor Gott und vor einem Menschen, der in der Stellvertretung Christi zuhörte. Die Beichte, dieses von der Reformation nicht abgeschaffte, sondern verwandelte Sakrament, ist der Ort, an dem die Struktur des Sündenfalls rückgängig gemacht wird. Was Adam verweigerte – das Bekenntnis – wird hier nachgeholt. Und das Ergebnis ist nicht Scham, sondern Frieden.

Dieses Buch ist eine Einladung, diesen Frieden zu suchen – nicht in der Selbsttäuschung, sondern in der Wahrheit. Es ist eine Einladung, sich von der Frage Gottes finden zu lassen: „Wo bist du?“ Es ist eine Einladung, aus dem Versteck hervorzutreten und zu antworten: „Hier bin ich. Ich habe gesündigt. Aber du, Herr, bist barmherzig.“

Wenn am Ende dieses Buches nur ein einziger Leser den Mut findet, diese Worte nachzusprechen – im stillen Kämmerlein oder im Angesicht eines Beichtvaters – dann hat es seinen Zweck erfüllt. Denn dann ist nicht nur ein Buch geschrieben worden. Dann ist ein Mensch heimgekehrt.

Und dafür lohnt sich jede Seite.

Geschrieben im Bewusstsein der eigenen Anfälligkeit
für genau jene Selbsttäuschung, die hier beschrieben wird.

Michael Flesch
Ende des Vorworts (ca. 4,5 Seiten)

Schöpfung und Mensch

  • 1. Eine religiös philosophische Betrachtung

    Die Rede vom Menschen als Ebenbild Gottes verleiht ihm eine unantastbare Würde – doch die Geschichte widerlegt dieses Ideal täglich. Vom Brudermord Kains bis zu den Kriegen der Gegenwart klafft der Abgrund zwischen Schöpfungsauftrag und Zerstörungswut. Diese religiös-philosophische Betrachtung fragt: Wie konnte das gottähnliche Wesen zum Kriegstreiber werden? Eine Spurensuche zwischen Hoffnung und Abgrund.

Thema 1: Der Sündenfall als Archetyp der Selbsttäuschung
Inhaltsbeschreibung:
Dieses Thema untersucht die biblische Erzählung von Genesis 3 als grundlegende Parabel für die menschliche Neigung, Verantwortung abzuweisen und die eigenen Fehler auf andere (den Anderen, den Körper, die Schlange, Gott) zu projizieren. Im Mittelpunkt steht die Frage: Warum erkennt der Mensch sein Versagen nicht unmittelbar, sondern flieht vor Gottes Frage „Wo bist du?“? Die Betrachtung verbindet theologische Sündenlehre mit der philosophischen Anthropologie der Selbsttäuschung (Sartre, Heidegger, Ricoeur) und zeigt, dass die eigentliche Sünde nicht der Ungehorsam an sich ist, sondern die Weigerung, ihn einzugestehen.

Thema 2: Kain und Abel – Der Brudermord als Urform der Kriegslogik
Inhaltsbeschreibung:
Die erste Tötung nach der Vertreibung aus dem Paradies ist kein Krieg zwischen Feinden, sondern der Mord am eigenen Bruder aus Neid und Kränkung. Dieses Thema analysiert die Dynamik von Neid, Opferkonkurrenz und Gewalteskalation. Warum schlägt Kain zu? Weil Gott sein Opfer nicht ansieht – aber diese Nichtanerkennung führt nicht zur Umkehr, sondern zur Vernichtung des Rivalen. Die Betrachtung zieht Verbindungslinien zu René Girards Sündenbock-Mechanismus und fragt, wie sich die Logik Kains in modernen Identitätskonflikten, Bürgerkriegen und Terrordynamiken wiederholt.

Thema 3: Die Sintflut – Wenn Gott bereut, den Menschen gemacht zu haben
Inhaltsbeschreibung:
„Es reute den Herrn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden“ (Gen 6,6). Dieses Kapitel stellt die beunruhigende theologische Vorstellung einer göttlichen Reue in den Mittelpunkt. Was bedeutet es, wenn der Schöpfer sein Werk bereut? Ist die Sintflut Strafe oder schmerzhafte Notwendigkeit? Die Betrachtung fragt nach der Grenze der Geduld Gottes – und nach der menschlichen Fähigkeit, diese Grenze immer wieder zu überschreiten. Gleichzeitig wird Noah als Arche des Neubeginns gedeutet: Gibt es nach jeder Flut einen Regenbogen? Oder kann die Menschheit auch endgültig scheitern?

Thema 4: Der Turmbau zu Babel – Die Hybris der Einheit ohne Gott
Inhaltsbeschreibung:
„Lasst uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht“ (Gen 11,4). Dieses Thema vertieft die bereits angerissene Babel-Erzählung als Paradigma technokratischer Überheblichkeit. Anders als oft behauptet, geht es nicht um Sprachverwirrung als Strafe für Hochmut, sondern um die Einsicht: Eine Einheit, die Gott ausschließt, wird zur totalitären Uniformität. Die Betrachtung vergleicht Babel mit modernen Utopien (Sowjetkommunismus, globalistischer Technokratie) und fragt, ob die Sehnsucht nach einer Weltsprache und einer Weltregierung nicht erneut babylonischen Geist atmet.

Thema 5: Abraham und Isaak – Die Versuchung der Opferung des Kindes
Inhaltsbeschreibung:
Die Bindung Isaaks (Gen 22) ist eine der verstörendsten Texte der Hebräischen Bibel. Gott befiehlt Abraham, seinen Sohn zu opfern – und hält ihn im letzten Moment zurück. Dieses Thema fragt nicht nach historischer Faktizität, sondern nach der religiösen Philosophie der Opferlogik. Wie viele Kriege wurden im Namen Gottes geführt, unter Opferung der eigenen Kinder? Warum ist der wahre Glaube gerade die Bereitschaft, das Liebste zu opfern – und warum verbietet Gott es dann? Die Betrachtung mündet in eine Kritik jeder Religion, die Menschenopfer verlangt, sei es buchstäblich oder metaphorisch (Jugend im Schützengraben).

Thema 6: Hiob – Die Gerechtigkeit Gottes im Angesicht unschuldigen Leidens
Inhaltsbeschreibung:
Das Buch Hiob stellt die klassische Theodizee radikal in Frage. Hiob verliert alles – Kinder, Gesundheit, Besitz –, obwohl er fromm ist. Seine Freunde argumentieren: Du wirst schon gesündigt haben. Aber Hiob weigert sich, Gott zu loben, wo kein Grund zum Loben ist. Dieses Thema fragt: Wie kann der Mensch das Ebenbild Gottes bleiben, wenn Gott selbst zu schweigen scheint? Die Antwort des Buches ist nicht eine Erklärung des Leidens, sondern die Begegnung – Gott erscheint im Wirbelsturm. Das ist keine Antwort, aber eine Anwesenheit. Die Betrachtung überträgt dies auf moderne Massenleiden (Kriege, Genozide, Hungersnöte).

Thema 7: Die Propheten – Gottes Anwälte gegen die Mächtigen
Inhaltsbeschreibung:
Von Amos bis Jeremia: Die Propheten des Alten Testaments sind keine Zukunftsvorhersager, sondern Gesellschaftskritiker. Sie stellen sich gegen Könige, Priester und reiche Schichten, die den Gottesdienst mit Gebet und Opfer zelebrieren, während sie die Armen unterdrücken. „Ich hasse eure Feste, aber lasst das Recht strömen wie Wasser“ (Amos 5,21-24). Dieses Thema zeigt, dass die religiöse Philosophie immer eine politische Dimension hat: Das Ebenbild Gottes verpflichtet zur Parteinahme für die Schwachen. Die Propheten sind die Stimme der Gegenhybris – eine Mahnung, die heute in der Option für die Armen (Leonardo Boff, Papst Franziskus) fortlebt.

Thema 8: Jesus und die Bergpredigt – Die Umkehrung aller Werte
Inhaltsbeschreibung:
Mit der Bergpredigt (Matthäus 5-7) betritt eine radikale Ethik die Weltbühne: Selig sind die Sanftmütigen, die Barmherzigen, die Friedensstifter – nicht die Mächtigen, die Reichen, die Sieger. Dieses Thema untersucht, wie diese Lehre das Ebenbild Gottes neu definiert: nicht als Herrschaft, sondern als Dienst; nicht als Stärke, sondern als Schwachheit, die Gott vertraut. Zugleich wird gefragt, warum das Christentum diese Lehre so oft verraten hat – von den Kreuzzügen bis zu den Segnungen von Kriegswaffen. Ist die Bergpredigt utopisch oder praktikabel? Ein Exkurs zur Gewaltfreiheit bei Tolstoi, Gandhi und Martin Luther King.

Thema 9: Der Kreuzestod – Der leidende Gott als Antwort auf den Krieg
Inhaltsbeschreibung:
In einer Welt voller Gewalt wird der Kreuzestod Jesu zur Zäsur. Hier stirbt Gott selbst – am Kreuz, der römischen Hinrichtungsmaschine für Sklaven und Aufrührer. Dieses Thema entwickelt eine Theologie des Kreuzes als Antwort auf die Frage nach dem Krieg: Gott leidet mit den Opfern, er ist nicht der ferne Weltenlenker, sondern der Mit-Leidende. Dietrich Bonhoeffer, der im KZ ermordete Theologe, schrieb: „Nur der leidende Gott kann helfen.“ Die Betrachtung fragt: Kann diese Vorstellung eine Waffe sein gegen die Versuchung, Gott für die eigenen Kriege zu vereinnahmen? Und was bedeutet das für Soldaten, die im Namen Gottes töten?

Thema 10: Apokalypse – Vom Ende der Welt als Gericht und Hoffnung
Inhaltsbeschreibung:
Die Offenbarung des Johannes ist voller apokalyptischer Bilder – Kriege, Naturkatastrophen, das Tier, Babylon, das neue Jerusalem. Dieses Thema unterscheidet zwischen zwei Lesarten: einer ängstlichen, die den Weltuntergang herbeisehnt (Endzeit-Sekten, manche evangelikale Strömungen), und einer hoffnungsvollen, die das Gericht als reinigende Gerechtigkeit versteht. Die Betrachtung fragt: Wie können wir apokalyptisch leben, ohne apokalyptisch zu denken? Eine Antwort könnte lauten: Handle als ob jede Entscheidung die letzte wäre – aber gib die Hoffnung nicht auf, dass nach dem Gericht die neue Schöpfung kommt.

Thema 11: Schöpfung bewahren – Die ökologische Dimension des Ebenbildes
Inhaltsbeschreibung:
Dieses Thema nimmt den Auftrag „Macht euch die Erde untertan“ (Gen 1,28) kritisch in den Blick. Über Jahrhunderte wurde dieser Text als Ermächtigung zur Ausbeutung gelesen. Seit Lynn Whites einflussreichem Essay von 1967 wird klar: Das christliche Menschenbild trägt Mitschuld an der ökologischen Krise. Die Betrachtung entwickelt eine alternative Lesart: Untertan machen als verantwortliches Verwalten, nicht als Zerstören. Mit Bezug auf Papst Franziskus’ Laudato si‘ und die Theologie der Bewahrung wird gezeigt, dass die Abkehr vom Ebenbild auch die Abkehr von der Erde bedeutet – und dass die Rückkehr zur Demut vor der Schöpfung ein Akt religiöser Umkehr ist.

Thema 12: Die Wiederkehr des Ebenbildes – Spiritualität ohne Überheblichkeit
Inhaltsbeschreibung:
Das abschließende Thema fasst die gesamte Betrachtung in eine praktische Spiritualität zusammen: Wie kann der Mensch heute – nach Auschwitz, Hiroshima, im Angesicht der Klimakrise und der neuen Kriege – wieder lernen, Ebenbild zu sein? Dies bedeutet: Demut statt Hybris, Teilen statt Gier, Bindung statt Triebentfesselung, Frieden statt Krieg. Die Betrachtung stellt keine fertigen Rezepte vor, sondern Übungen: kontemplatives Gebet, das zur Ruhe kommt; ethische Reflexion, die Macht hinterfragt; konkrete Solidarität mit Opfern. Der Schluss ist kein Triumph, sondern eine Einladung – zur Umkehr, solange es Zeit ist.

Übersicht als Liste
Nr. Thema
1 Der Sündenfall als Archetyp der Selbsttäuschung
2 Kain und Abel – Der Brudermord als Urform der Kriegslogik
3 Die Sintflut – Wenn Gott bereut, den Menschen gemacht zu haben
4 Der Turmbau zu Babel – Die Hybris der Einheit ohne Gott
5 Abraham und Isaak – Die Versuchung der Opferung des Kindes
6 Hiob – Die Gerechtigkeit Gottes im Angesicht unschuldigen Leidens
7 Die Propheten – Gottes Anwälte gegen die Mächtigen
8 Jesus und die Bergpredigt – Die Umkehrung aller Werte
9 Der Kreuzestod – Der leidende Gott als Antwort auf den Krieg
10 Apokalypse – Vom Ende der Welt als Gericht und Hoffnung
11 Schöpfung bewahren – Die ökologische Dimension des Ebenbildes
12 Die Wiederkehr des Ebenbildes – Spiritualität ohne Überheblichkeit